Dieser Blog ist wohl ein wenig anders.
Hier geht es nicht viel um Tiere, Missgeschicke oder nervige Persönlichkeiten. Na gut – ein bisschen um Letzteres vielleicht. Aber hauptsächlich geht es zu 100 % um mich. Und zu 100 % um meinen Leben.
Irgendwie war diese Begegnung und diese Geschichte für mich so wichtig, dass ich sie hier teilen möchte. Und ich hoffe einfach, dass es mir gelingt, meine Worte und ungefähr 1000 Gedanken, die gerade irgendwo in meiner wirren Besteckschublade aka mein Gehirn herumfliegen, irgendwie so zu sortieren, dass sie auch für euch Sinn ergeben.
Mein Job ist hauptsächlich der Gast.
Alles drum herum. Seine Interessen, seine Buchung, seine Sorgen, seine Pläne, seine Wünsche und manchmal auch Dinge, von denen er selbst noch gar nicht wusste, dass er sie braucht.
Also bin ich flexibel.
Manchmal bin ich Animatorin, Entertainerin, Sekretärin, persönliche Assistentin oder Therapeutin. Manchmal wahrscheinlich alles gleichzeitig.
Jeder Gast ist einzigartig. Jeder bringt einen Rucksack voller Geschichten mit und seinen ganz eigenen Charakter.
Viele Gäste finden es bemerkenswert, wie ich immer präsent bin und gute Laune habe und Zugang zu den Gästen finde.
Aber sind wir ehrlich: Dier Busch gibt mir gute Laune. Das verdammt gute Essen im Camp gibt mir gute Laune. Und jeder Sonnenaufgangskaffee gibt mir noch bessere Laune.
Apropos Kaffee: Die mega gut versteckte Anspielung auf meine Bialetti hat übrigens gefruchtet. Grazie Mille
Item. Ich liebe diesen Job.
Und ich liebe es, Probleme zu lösen.
Nicht unbedingt meine eigenen, da bin ich nämlich selbst ein ziemliches Chaos. Aber für andere da zu sein, Dinge zu organisieren, jemanden zum Lachen zu bringen oder einfach dafür zu sorgen, dass jemand einen richtig guten Moment hat.
Unsere Gäste investieren verdammt viel in ihren Urlaub. Zeit, Geld, Vorfreude, Erwartungen. Und wenn ich dazu beitragen kann, dass dieser Urlaub noch ein kleines bisschen besonderer wird und vielleicht Jahre später noch irgendwo in ihren Erinnerungen auftaucht, dann macht mich das einfach glücklich.
Also ich will jetzt natürlich nicht behaupten, dass hier alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Ich habe auch Gäste, bei denen ich mich ihren Problemen mit stark gestrecktem Arschlochfinger in der Hosentasche widme.
Oder wie einer meiner Chefs hier in Sambia in perfektem Deutsch so wunderbar sagen kann:
„There are some Arsch mit Ohren.“
Und ja. Die gibt es.
Aber heute geht es nicht um die.
Heute geht es um einen Menschen.
Um einen sehr besonderen Menschen.
Einen Menschen, bei dem nicht ich Spuren in seinem Leben hinterlassen habe, sondern er bei mir.
Eine Begegnung, von der am Ende wahrscheinlich ich viel mehr profitiert habe als er.
Nennen wir ihn Mister M.
Mister M. wurde in Irland geboren und wanderte mit etwas über 20 Jahren nach Südafrika aus. Dort lernte er seine Frau kennen. Zusammen haben sie zwei Töchter, von denen er mit unglaublich viel Stolz erzählt.
Gemeinsam mit seiner Frau ist er gereist, hat viele Länder besucht und Geschichten gesammelt.
Und wenn ich eines sehr schnell gemerkt habe, dann ist es: Dieser Mann kann Geschichten erzählen!
Er ist frech, direkt und einer dieser Menschen, bei denen man einfach gerne zuhört.
Mister M. kam als Solo-Traveller zu uns und war zwei Nächte lang unser einziger Gast, bevor weitere Gäste eintrafen.
Und Mister M. und ich?
Wir verstanden uns direkt.
Am ersten Abend sitzen wir am Lagerfeuer. Ich erzähle ihm, wie ich hier in Sambia gelandet bin.
Und er erzählt mir, wie er hierher gekommen ist.
Er ist zum zweiten Mal in Sambia.
Seine Frau hätte eigentlich bei dieser Reise dabei sein sollen.
Leider ist sie vor einigen Monaten gestorben.
Zusammen sagen wir: Scheisse.
Zusammen sagen wir: Das Leben ist manchmal einfach richtig scheisse.
Und zusammen sagen wir auch: Wir lassen uns das Leben davon nicht wegnehmen.
Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr einen Menschen trefft und euch irgendwie sofort verbunden fühlt?
Nicht weil ihr euch schon ewig kennt.
Sondern weil da plötzlich dieses Gefühl ist:
Du verstehst mich.
Ich erzähle ihm von meinem Vater, der nicht mehr unter uns ist.
Ebenfalls Scheisse.
Aber er ist hier. In meinem Kopf. In meinem Herzen. Und damit irgendwie immer noch ganz nah.
Mister M. nickt und sagt sinngemäss: Genau, wir lassen die Menschen nicht einfach verschwinden. Wir tragen sie weiter mit uns.
Und dann reden wir weiter.
Über Rugby.
Über seine geile, geile, supergeile Reise von Angola bis nach Tansania mit dem Zug.
Ich erzähle ihm von meinem Plan, nach Ruanda zu reisen.
Er feiert es.
Er feiert mein Leben.
Meine Pläne.
Meine Entscheidungen.
Und irgendwie gibt er mir dabei das Gefühl, dass ich das alles gar nicht so schlecht mache.
Wir reden darüber, dass er pensioniert ist.
Wir reden über seinen eigenen Whisky-Brand.
Und darüber, dass irgendein japanischer Influencer seinen Whisky so brutal gehypt hat, dass er innerhalb eines Tages 900 Kartons verkauft hat.
Inzwischen verkauft er angeblich alle drei Minuten eine Flasche davon.
Ich erzähle ihm, dass mein Bruder ebenfalls Whisky mag, ich aber an seinem Geburtstag auf dem Weg nach Sambia war und ich somit, meiner Meinung nach nicht mehr zu einem Geburtstagsgeschenk verpflichtet bin.
Mister M. stimmt mir zu. Sorry „Brüetsch“
Am zweiten Abend sitzen wir wieder am Feuer.
Mister M. geniesst seine privaten Aktivitäten und das Camp für sich alleine.
Und dann fragt er mich:
„Was ist deine Definition von Glück?“
Na super. Da sitzt man gemütlich am Feuer und plötzlich wird aus einem Safari-Abend eine philosophische Sitzung.
Wir reden darüber.
Und Mister M. sagt mir, dass er die Antwort gefunden hat.
Natürlich erzählt er mir auch gleich die Geschichte dazu.
Wie der perfekte Geschichtenerzähler, den er nun einmal ist, erzählt er davon, wie er einst in einem Pub mit jemandem das Erfolgsdreieck zum Glück entwickelt hat.
Und eigentlich ist es so simpel.
Something to do
Etwas, das du in deinem Leben und deinem Alltag tust, das dir Sinn gibt. Eine Passion. Eine Beschäftigung. Etwas, das du magst. Etwas, bei dem du dich gebraucht fühlst.
Und im besten Fall bringt es dir sogar noch ein Einkommen.
Someone to love
Jemanden zu lieben.
Jemanden zu haben.
Menschen, die dir wichtig sind. Menschen, die du im Herzen trägst.
Something to hope for
Etwas, auf das du hoffen kannst.
Etwas, das dich motiviert.
Das dich fokussiert.
Das dich morgens aufstehen und weitermachen lässt.
Something to do.
Someone to love.
Something to hope for.
Verdammt simpel.
Und irgendwie verdammt gut.
Klar, ich lebe hier gerade im Abenteuer.
Im wilden Afrika.
Alles ist aufregend, anders und manchmal komplett verrückt.
Aber auch ich habe Alltag.
Auch ich habe Bürokram.
Auch ich habe Aufgaben, auf die ich absolut keinen Bock habe.
Und ich kann mir meine Gäste nicht aussuchen.
Sie mich übrigens auch nicht.
Hier kommen Menschen an, die sich vorher noch nie gesehen haben. Fremd. Distanziert. Jeder mit seinem eigenen Leben, seinen eigenen Geschichten und seinem eigenen Rucksack.
Und dann sitzt man abends gemeinsam am Feuer.
Und plötzlich sind sie keine Fremden mehr.
So viele Begegnungen.
Warme.
Wilde.
Schräge.
Manche Abende, an denen ich dachte: Bitte, lass diesen Abend einfach schnell vorbei sein.
Und andere Abende, bei denen ich dachte:
Bitte, Feuer. Geh einfach niemals aus.
Mister M. war so ein Mensch.
Und nicht nur für mich.
Auch die anderen Gäste mochten ihn. Seine Geschichten. Sein Lachen. Seine direkte Art.
Mister M. musste man einfach kennenlernen. Er hat mir gesagt, dass es nicht nur Mut braucht.
Viel mehr braucht es: dieses verdammte „einfach mal machen“.
Und dass genau dieses „einfach mal machen“ für so viele Menschen das Schwierigste überhaupt ist.
Mister M. ist ziemlich egal, was andere über ihn denken.
Aber gleichzeitig kann er sich unglaublich für andere Menschen begeistern.
Für ihre Geschichten.
Für ihre Träume.
Für ihre Pläne.
Für ihr Leben.
Und vielleicht ist genau das eine ziemlich schöne Art zu leben.
Nach vier Tagen reiste Mister M. weiter.
Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er meinen Rucksack ein kleines bisschen aufgefüllt und meinen Kopf ein wenig sortiert hat.
Mister M. ging.
Mit einer Umarmung.
Und mit den besten Wünschen für Ruanda.
Und mit einem Satz, der irgendwie hängen geblieben ist:
„Nicht träumen, Kerry. Einfach machen.“
Und vielleicht ist genau das gerade die Lektion, die ich mitnehmen sollte.
Kopf zerbrechen hilft niemandem.
Manchmal muss man einfach machen.
Losgehen.
Ausprobieren.
Und beim Machen merkt man dann schon, ob es passt.
Danke, Mister M.
Für die Geschichten.
Für das Lachen.
Für die ehrlichen Gespräche.
Für das Erfolgsdreieck.
Und vor allem dafür, dass du mir für einen kleinen Moment das Gefühl gegeben hast, dass ich vielleicht tatsächlich schon ziemlich viel richtig mache.
Ich hoffe, wir sehen uns wieder.
Irgendwo auf dieser Welt.
Am besten an einem Lagerfeuer.
Vielleicht wird aus diesem „Einfach machen“ ja tatsächlich Rwanda. Und falls ihr ein kleines Teilchen dazu beitragen möchtet, dass aus dem Traum meine Reise wird:
merci viu mau.

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