Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

Das Buschtelefon

Wer kennt es nicht? Die perfekte Kindheitserinnerung. Okay, vielleicht nicht für alle Leser, die meine Mutter hier angeschleppt hat… Für die ist es dann eher eine Kindheitserinnerung ihrer Kinder.

Ich meine: Walkie-Talkies.

Wie geil war es bitte, mit diesen Dingern herumzufunken und mit seinen Freunden in Kontakt zu sein? Noch heute, im Erwachsenenalter, habe ich diese Dinger zum Beispiel einmal bei einem Sportevent verteilt. Also als professionelles Kommunikationsmittel, natürlich.

Die ersten 30 Minuten bestanden eigentlich nur aus fantastisch provokanten und völlig unnötigen Durchsagen.

Schon lustig, wie wir, egal in welchem Alter, immer wieder zu Kindern werden. Das darf sich bitte niemals ändern.

Aber kommen wir zu meinem neuen Alltags-Hass-Liebe-Arbeits- und Kommunikationsmittel:

Dem Walkie-Talkie.

Das wortwörtliche BuschTelefon.

Jeder von uns trägt eines mit sich herum. Und in jedem Zimmer oder besser gesagt in jedem Luxuszelt liegt eines bereit. Darüber kommunizieren wir alles: Was muss erledigt werden? Wo befindet sich wer? Kommen die Gäste an und natürlich: Wenn Löwen durchs Camp laufen, ist das Radio unser bester Freund.

Die Hauptsprache auf unseren Radios?

Nyanja.

Zum Beispiel der Moment, als ich herausfand, dass Ndlovu nicht mein Frühstücksomelette ist, das fertig ist, sondern ein Elefant. Und ich beinahe auf dem Weg zur Küche den Hintern eines Elefanten geküsst hätte.

Das ist wohl die Definition davon, eine Sprache auf die harte Tour zu lernen.

Unsere Radios funktionieren eigentlich wie klassische Walkie-Talkies. Funkdisziplin? Sagen wir mal… sie ist ausbaufähig.

Aber wenn plötzlich ein Elefant im Camp steht, weiss ich, dass es Ndlovu ist. Wenn jemand Nkalamu sagt, sollte ich wissen: Löwe. Und Kaingu? Leopard.

Ihr seht also: Ich lerne nicht nur aus Interesse. Ich lerne, um zu überleben.

Muli Kuti?

Ist die Frage: Wo ist diese Person? Oder wo ist dieses Tier?

Die Radios machen unser Leben definitiv einfacher. Zumindest sollten sie das.

Aber es gibt zwei Szenarien, in denen sie genau das Gegenteil tun.

Szenario Nummer eins:

Du liegst gemütlich im Bett, schwebst im Land der Träume.

Plötzlich:

„Please charge the battery.“

Eine monotone, nervige Durchsage.

Alle zehn Sekunden.

Immer wieder.

Ja, ich gebe es zu: Mein Fehler. Ich hätte das Funkgerät laden sollen.

Aber diese Tatsache spielt überhaupt keine Rolle, wenn du wie ein Burrito in deine Decke eingewickelt bist, draussen 5 Grad sind und du dich nachts im Dunkeln aus diesem warmen Kokon herauskämpfen musst, nur um dieses verdammte Ding zu finden.

Szenario Nummer zwei:

Wenn Gäste nicht das gleiche Verständnis von „Notfall“ haben.

Radios sind für Notfälle gedacht.

Was ein Notfall ist, ist allerdings sehr relativ.

Ich dachte immer: Notfall bedeutet Leben oder Tod. Medizinischer Notfall. Etwas wirklich Ernstes.

Tja.

Falsch gedacht.

Nicht für unsere geliebten Gäste.

Ich arbeite jetzt ungefähr zwei Monate hier und hätte nicht gedacht, dass ich bereits genug Material hätte, um darüber einen Blog zu schreiben.

Wer weiss, was bis zum Ende dieser Saison noch alles passiert…

Beim Check-in erklären wir unseren Gästen natürlich ganz genau, wie das Radio funktioniert und natürlich erklären wir auch, wann sie das Walkie-Talkie benutzen können.

Zum Beispiel morgens nach dem Wake-up-Call. Da können sie uns Bescheid geben, wann wir sie fürs Frühstück abholen dürfen.

Warum?

Weil es dunkel ist.

Und Menschen sind bekanntlich nachts alle ein bisschen blind und schauen beim Laufen sowieso nur auf ihre Füsse.

Auch abends ist die Begleitung vom Dinner zum Zelt Pflicht.

Tagsüber dürfen Gäste gerne alleine laufen, wenn sie sich sicher fühlen. Natürlich begleiten wir sie jederzeit gerne. Sicherheit geht vor.

Auch wenn sie tagsüber alleine unterwegs sind, bitten wir unsere Gäste voll aufmerksam zu sein.

Denn auch tagsüber können Löwen und Elefanten plötzlich durchs Camp spazieren.

Vor allem dann, wenn der Marula-Baum Früchte trägt.

Und daraus wird Amarula produziert. Für alle, die genau hinschauen: Auf der Amarula-Flasche ist natürlich ein Elefant abgebildet.

Elefanten lieben allerdings nicht den Schnapps.

oder doch? Hab eigentlich nie gefragt.

Item. Sie lieben die Früchte.

Deshalb: Augen auf im Busch.

Denn Elefanten haben wir tatsächlich regelmässig im und ums Camp.

Wir bitten die Gäste ausserdem, die Radios tagsüber ausgeschaltet zu lassen. Denn sonst hören sie den ganzen Tag unser internes Busch-Chaos, unsere Organisation und unsere kleinen Alltagsdramen mit.

so aber kommen wir nun zu den spannenden Geschichten. Gerne habe ich die Gäste-Typen für euch liebevoll kategorisiert.


Die „Shower Beer – Helden“-Fraktion

Gäste, die eigentlich nur 30 Meter zur Main Area laufen müssten, aber denken: „Warum laufen, wenn ich ein Walkie-Talkie habe?“

Fairerweise… ich verstehe es.

Ein kaltes Shower Beer mit Blick auf die Lagune im wilden Kafue Nationalpark? Da kann ich schlecht argumentieren. Dafür wurde das Leben doch erfunden.


Die „Kindergarten“ Gruppe

Jeder von uns kennt diesen Moment.

Du siehst ein Walkie-Talkie und plötzlich bist du wieder 10 Jahre alt. Dein Gehirn schaltet automatisch auf Actionfilm-Modus.

„Bald Eagle, come in.“

„The eagle has landed.“

Und genau diese Menschen gibt es natürlich auch bei uns.

Besonders schön wird es, wenn Freunde über mehrere Zelte verteilt sind und das Radio plötzlich nicht mehr für Kommunikation genutzt wird, sondern als Busch-Version einer WhatsApp-Gruppe.

„Was siehst du gerade bei der Lagune?“

„Hast du die Elefanten gesehen?“

„Wer kommt an die Bar?“


Die „Ich liebe Natur… solange sie draussen bleibt“-Menschen

Meine absolute Lieblingskategorie. Ironie.

Menschen, die extra in den wilden Kafue Nationalpark reisen, um Natur zu erleben.

Aber bitte nur draussen.

„Kerry, ich habe eine Maus in meinem Zimmer.“

Eine Maus.

Im Busch.

Eine Maus, die wahrscheinlich mehr Angst vor dem Gast hatte als der Gast vor der Maus.

Aber natürlich starten wir eine nächtliche Rettungsaktion.

Wir komme also mitten in der Nacht bewaffnet mit Taschenlampe und Motivation zum Zelt…

Nur um zu hören:

„Ach ja, sie ist wieder raus.“

Natürlich ist sie das.

Sie wohnt hier. Wir sind nur Besucher. Vermutlich kaut sie jetzt an meiner Seife.


Team „ich kann nicht schlafen“

Ein Klassiker.

Eine Nacht laufe ich nach dem Abendessen alleine zurück zu meinem Zelt. Mit zusammengekniffenen Arschbacken, weil ich Elefanten gehört habe und mein Kopf schon alle möglichen Szenarien durchspielt.

Ich komme gerade halb im Pyjama an…

Funk:

„Da ist etwas Huhn-Ähnliches vor meinem Raum. Es ist mega laut. Ich brauche Hilfe!“

Ich:

„Ist es im Zelt oder ausserhalb des Zeltes?“

Keine Antwort.

Also wieder Uniform an.

Natürlich.

Der Funk kommt erneut:

„Kann jemand kommen? Draussen ist ein lautes Tiergeräusch. Ich kann nicht schlafen.“

Ich erkläre freundlich:

Das Tier ist draussen. Du bist sicher im Zelt. Wir können leider nicht jedes Geräusch im Busch ausschalten.

Aber der Gast bleibt überzeugt:

„Aber es macht so viel Lärm.“

Die grosse Auflösung:

Es war ein Bushbaby.

Oben im Baum.

Ein kleines Tier mit einer sehr grossen Stimme.

Der Busch gewinnt. Der Gast kommt mit tiefen Augenringen zum Frühstück.


Die „Warmduscher“-Gäste

Ich liege wieder gemütlich im Zelt.

Funk: „Das Wasser in der Dusche ist nicht heiss.“

Meine Antwort:

„Hast du den Hahn mit dem grossen H für HOT aufgedreht?“

Antwort: „Wir probieren es mal.“

Und jetzt kommt der Teil, den ich nie verstehen werde:

Es funktioniert.

Aber niemand funkt zurück.

Niemand.

Ich sitze also 10 Minuten später immer noch halb Pyjama, halb Uniform und frage mich, ob ich jetzt feiern soll, dass es geklappt hat, oder ob ich einfach weiter auf den nächsten Funk warten soll.


Also meine lieben Safari-Freunde.

Wenn ihr das nächste Mal ein Walkie-Talkie in der Hand haltet, benutzt es weise.

Ein paar kleine Busch-Regeln:

Wenn wir sagen, dass wir euch im Dunkeln begleiten, dann kommt einfach mit uns. Glaubt mir, jeder Mensch, der plötzlich nachts vor einem Löwen oder Leoparden steht, wird sehr schnell merken, dass seine Unterhose nun braun bleibt.

(und nein, dies nicht wegen eines leckeren Tellers Hörnli und Ghackets – Insider)

Ein Notfall ist:
medizinisch,
Feuer,
oder wenn euer Bett voller Feuerameisen ist.

Eine Maus zählt nicht dazu. Sie findet ihren Weg rein und wieder raus. Und glaubt mir: An eurer Seife ist sie wahrscheinlich mehr interessiert als an euch.

Aber ansonsten:

Bestellt weiterhin euer Shower Beer.

Geniesst eure Safari.

Lacht über die kleinen Busch-Momente.

Denn genau diese Geschichten sind es, die man später erzählt.


Und falls ihr nach dieser Geschichte denkt: „Kerry hat eigentlich ein Shower Beer verdient“: Da habt ihr vollkommen recht.
Wenn ihr mir also auch mal ein kleines Busch-Bier gönnen möchtet, dürft ihr sehr gerne eine kleine Spende dalassen.

Hinterlasse einen Kommentar