Gerne komme ich mal wieder zu einer faszinierenden zweibeinigen Gattung. Die Gattung, in welcher Menschen nicht unterschiedlicher und trotzdem in manchen Dingen auch punktgenau gleich sein können. Eine Gattung, bei der mir gerade der Nuggi platzt.
In meinem Freundeskreis habe ich ein paar Hobbyfotografen, wobei „Hobby“ denen ehrlich gesagt Unrecht tut. Die Bilder von denen geben mir nicht das Gefühl, dass sie nur Hobby sind.
Ich habe mir Fotografen irgendwie immer so vorgestellt, dass sie gleichzeitig zufrieden und unzufrieden sind. Ich meine, sie finden immer etwas zum Knipsen, aber gleichzeitig könnte es immer noch einen besseren Schuss geben. Ich mag das Fötelen auch mega, aber ich ärgere mich nicht über meine Fotokunst. Ich habe irgendwann einfach akzeptiert, dass ich da ein Limit habe. Meistens heisst dieses Limit Geduld. Mich bringt nämlich nicht meine Fotokunst zur Weissglut, sondern dieser eine verdammte Grashalm oder ein Ast, der immer genau dort steht, wo er nicht hingehört. Ich schwöre, Pflanzen machen das absichtlich. Und dieses ewige Fokussieren bringt mich zum Beben.
Das Fotografieren macht eigentlich riesig Spass. Bis ich nach meinem ersten offiziellen Game Drive 900 Bilder auf meinen Laptop lade und meine Aufmerksamkeitsspanne (ungefähr auf Goldfisch-Niveau) nach Bild Nummer zehn beschliesst, Feierabend zu machen. Also mein persönliches Fotofazit: aussichtslos, aber mit sehr viel Freude daran. Meine liebsten Fotoobjekte sind Carnivore, Elefantenhintern und Vögel. Bin ja schliesslich ein zukünftiger Birdnerd. Vielleicht bin ich aber auch einfach komplett verwöhnt, wenn ich mich darüber beklage, 900 Bilder mit Leopardenbabys und Löwen aussortieren zu müssen. Hehe.
Item. Genug über mich. Nun zu zwei extremen Fotonerds, die ich getroffen habe.
Beginnen wir mit dem Zuckerstück. Ein Paar, das auch zusammen arbeitet und und weltweit Fotosafaris anbietet, mit Base in Botswana. Ich bewundere Menschen, die ihr Hobby und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Beide begleiten Fotosafaris, geben Workshops übers Editing und hosten nebenbei auch noch ihre Gäste. Als die zwei unsere Camps besucht haben, um sich ein Bild davon zu machen, ob sie künftig eine Fotosafari bei uns durchführen möchten, hat einfach alles gepasst. Nebst einem riesigen Herzen und ihrer humorvollen Art hatten sie genau die richtige Mischung aus Liebe zur Natur, Tierschutz, kombiniert mit dieser fast schon verrückten Leidenschaft für das perfekte Bild.
Wenn morgens Nebel zwischen den Sable-Antilopen hängt oder Wildhunde durchs Gras ziehen, freuen die sich wie kleine Kinder. Wenn das Licht stimmt, können Stunden vergehen und es rattert einfach nur noch von Kamerageräuschen. Abends am Feuer wird das perfekte Foto gezeigt, Tipps werden ausgetauscht und das Leben gefeiert. Am schönsten fand ich aber, dass sie ihren Beruf überhaupt nicht romantisiert haben. Sie meinten nämlich, die anstrengendsten Gäste seien: Fotografen!!
Pha.
Wie recht die zwei mit dieser Aussage haben, hätte ich bis dato nicht gedacht.
Ich glaube nämlich, ich habe den Endgegner kennengelernt.
Ein Mann, der gefühlt fünfzig Prozent des Jahres ohne seine Frau irgendwo auf eigener Fotosafari ist. Mittlerweile weiss ich auch, warum.
Gut gemacht Frau.
Er hatte unser neues Camp komplett für sich alleine. Privater Guide. Exakt dieser Guide den er wollte. Fahrzeug ohne Türen.
Dies, das, jenes.
Kurz vor seiner Ankunft wollte er dann noch spontan zwei Leute mitbringen, die er aus irgendwelchen Online-Fotoforen kennt. Also habe ich kurzerhand alles organisiert, damit die zwei statt in einem anderen Camp zu ihm kommen konnten. Klar doch. Ein Fingerzucken.
Das Gute daran: Die beiden waren absolut nett. Easy peasy lemon squeezy. Sie blieben allerdings nur zwei Nächte. Der feine Herr hingegen länger. Und spätestens da fingen meine Nasenflügel an zu beben.
Der Mann liebt es übrigens hauptsächlich, Tiere beim Töten oder Gefressenwerden zu fotografieren.
Freeeeeeeak. oder eher Psycho?
Item.
Bei ihm reden wir eher von Kategorie Wahnsinn. Er ist dieser Typ Mensch, der immer die bessere Geschichte erzählen muss. Seine Witze sind nicht lustig, sie sind einfach provokant und unangebracht. Und er lacht darüber mehr als alle anderen zusammen. Er merkt gar nicht, dass niemand mitlacht, weil er in einem selbstverliebten Monolog lebt. Alles dreht sich um ihn.
Auf den Drives musste das Auto millimetergenau so stehen, wie er wollte. Dass seine eingeladenen Fotofreunde vielleicht auch etwas sehen wollten? Nebensache. Er hat mich sogar auf einen Drive eingeladen. Nicht weil er nett sein wollte, sondern weil zusätzliche Augen zusätzliche Tiersichtungen bedeuten.
Nachdem er zwei Tage lang Leopardenbabys fotografieren konnte, meinte unser Guide, die Mutter und die Jungen seien nach dem gefressenen Impala weitergezogen.
Weg.
Weg.
WEEEEEG.
Was nicht weg war? Frische Wilddog-Spuren beim Kamasot Hide. Alle anderen Guides dachten sich: Jackpot. Der feine Herr wollte trotzdem Leopardenbabys suchen. Zur Erinnerung: sieben verschiedene Leoparden innerhalb von 24 Stunden. Hat ihm nicht gereicht. Resultat? Die anderen fanden Wild Dogs. Er fand gar nichts. Natürlich war anschliessend der Guide schuld. Nicht sein Ego.
Und dann kommt das Tüpfli auf dem i.
Als er mit seinem Guide bei zwei von den Naughty Three Löwenmännchen stand, dachte ich noch: Jetzt kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Riesige Mähnen. Wirklich König-der-Löwen-Niveau. Und was macht der Typ? Steigt einfach aus dem Auto. Kniet sich auf den Boden. Will auf Augenhöhe mit Löwen fotografieren. Gegen die klare Anweisung unseres Guides.
Als ich das gehört habe, hat mein Herz kurz den Job gekündigt.
Die Löwen schauten irritiert und rannten zum Glück weg. Lieber beleidigte Löwen als hungrige Löwen. Aber ernsthaft – was für ein A mit O. Mir fehlen bis heute die Worte. Und das will bei mir etwas heissen.
Er ist nicht nur auf dem Drive ein A mit O. Sondern auch im Camp:
„Ach, ich möchte gar keine Extrawurst.“
Aha.
„Ich esse einfach alleine auf meinem Zimmer.“
„Stellt mir einfach einen Tisch hin.“
„Ich funke dann, wenn ihr das Geschirr holen könnt.“
„Dann habt ihr alle mehr Freizeit.“
Ja.
Denkste.
Weil der Herr anschliessend gefühlt zwei Stunden mit seiner Frau telefoniert. Ach ja, ein Zimmer mit WLAN wollte er natürlich unbedingt. „But I love nature.“
Ja ja. Bla bla.
21:30 Uhr. Das Walkie knistert.
„Das Geschirr kann jetzt abgeholt werden.“
Aber Hauptsache keine Umstände machen.
GRRRRRRRRRRR.
Ach.
Und wisst ihr was?
Er mag keine Hyänen. Die Hyänen mögen ihn auch nicht. Er wollte nicht mal zurück kommen um den Pangolin zu sehen!
PANGOLIN!
MA DONNA!
Da geht mir die Hutschnur hoch.
Da krieg ich sooooo einen Hals.
Da platzt mir aber das Hemd und „jagt mir den Nuggi use“
Wer behauptet hat, Niederschreiben helfe beim Verarbeiten, hat den Typen nie kennengelernt. Ich bin original gleich hässig wie vor zwanzig Minuten – einfach mit schlechter Rechtschreibung.
Läck Boby.
Ich freue mich auf seinen Abreisetag wie andere Menschen auf Weihnachten. Vielleicht mache ich sogar ein Erinnerungsfoto. Ganz ohne Ast davor. Ganz ohne Grashalm im Fokus.
Und vor allem ganz ohne ihn im Bild.
Ade merci.
Wer mir helfen möchte, meinen Nuggi wiederzufinden, darf gerne eine kleine Spende dalassen. Ich vermute, er liegt irgendwo zwischen Objektiv dem Leopardenbaby und meiner letzten funktionierenden Hirnzelle.

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