Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

Bazooka

Nach so vielen Geschichten über Menschen, Gäste und Erlebnisse konzentriere ich mich heute mal wieder auf das Wesentliche.

Tiere.

Denn neben meinen Fröschen mag ich ja eigentlich alles im Busch. Vor allem alles, was Fleisch frisst. Hmm. Na gut, Elefanten mag ich auch. Obwohl … ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die schon mal aus Versehen ein Chamäleon gefressen haben.

Wie fühlt sich das wohl an? Wenn man genüsslich beim Baumessen auf ein Chamäleon beisst? Vielleicht so, wie wenn wir einen Kuchen essen und plötzlich auf eine Weintraube beissen. Ich glaube, genau so muss das sein.

Vermutlich sagt der Elefant innerlich kurz «Sorry» oder ist einfach genervt und kickt aus lauter Frust die nächste Wegbeleuchtung um.

Würden wir Menschen ja genauso machen. Wir kicken schliesslich auch jeden Stein und jeden Schneehaufen, der uns beim Vorbeigehen in die Quere kommt. Warum also nicht mal eine Solarlampe?

Aber zurück zu den Tieren.

Was ich seit meinem Start in diesem tollen Camp gelernt habe: Dieses Gebiet hat einfach verdammt viele Leoparden. Manchmal sogar so viele, dass Gäste nach vier verschiedenen Leopardensichtungen an einem Tag, ganz frech fragen, ob sie vielleicht auch einmal ein Impala sehen könnten.

Ich liebe es.

Wenn ich einen Leoparden sehe, läuft in meinem Kopf übrigens grundsätzlich der Song Killer Queen von Queen. Ich singe natürlich nur ganz still für mich mit. Auch gerade jetzt.

Leoparden sind für mich sowieso die wohl sexieste Katzenart überhaupt. Ich persönlich sehe mich ja eher als Hyäne. Aber boah, Leoparden … Da muss man schon sagen, dass die Eleganz und Grazie offensichtlich mit dem Suppenlöffel gefressen haben. Und by the way, niemandem steht ein Leopardenprint so gut wie dem Leoparden selbst. Punkt.

Was mich allerdings seit Tag eins wirklich beeindruckt, ist nicht nur, wie viele Leoparden es hier gibt, sondern dass unsere Guides die einzelnen Tiere tatsächlich identifizieren können. Jeder hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Erkennungsmerkmale. Halsmusterung, Schnurrhaare, Ohren und sogar die Flecken auf der Nase können helfen, einzelne Tiere auseinanderzuhalten oder ihr Alter einzuschätzen.

Ich finde das ehrlich gesagt ziemlich genial.

Während ich noch überlege, ob der Leopard jetzt links ein etwas grösseres Ohr hat oder rechts vielleicht ein Schnurrhaar fehlt, wissen unsere Guides längst, wer da vor ihnen im Baum liegt.

Und natürlich hat fast jeder seinen passenden Spitznamen.

Da wäre zum Beispiel Kinky Tail. Die Dame hat tatsächlich schon einmal ein Duschtuch von der Wäscheleine geklaut. Andere Leoparden markieren ihr Territorium, Kinky Tail nimmt offenbar gleich die Badezimmereinrichtung mit. Man muss schliesslich Prioritäten setzen.

Oder ihr Sohn Sausage. Auch ein ziemlich guter Name, wie ich finde.

Kinky Tail ist eine sagenhaft gute Jägerin. Wenn sie mal wieder ein Impala oder Puku erledigt hat, muss sie möglichst schnell mit ihrer Beute auf einen Baum, damit die Löwen ihr das Abendessen nicht wegschnappen.

Wer allerdings fast jedes Mal antrabt und sich einen Bissen schnappt, ist Sohn Sausage.

Leopardenmütter sind nämlich extrem fürsorglich und lassen ihre Kinder teilweise auch im Erwachsenenalter noch von ihrer Beute profitieren. Das ist gar nicht so grundverschieden von uns Menschen. Auch ich öffne immer mal den Kühlschrank, wenn ich bei Mama bin.

Gut, ich mache das auch bei Freunden. Aber nur, um zu sehen, wie unglaublich viele Joghurts manche Menschen in ihren Kühlschränken haben. Man muss sich ja schliesslich informieren.

Aber kommen wir nun zur Hauptattraktion dieses Beitrags. Dem feinen Herrn Maestro, den ich euch heute vorstellen möchte. Er ist der Boss unter den Leoparden in dieser Gegend. Keiner macht ihm so schnell etwas vor.

Ein Leopard, der unter den Leoparden ungefähr das ist, was man unter uns Menschen einen Schwinger oder Rugbyspieler nennen würde.

Wenn ich diesen Leoparden sehe, kommt mir übrigens immer mein guter, supertoller Schreiner-Kumpel in den Sinn. Wadli wie Eichenstämme. Und zwar richtig gute Eichenstämme! Ich meine, Kompliment an die Wadli meines Kumpels. Da kann man wirklich nicht meckern.

Wie der Leopard ist auch er immer fokussiert und zielstrebig und vor allem bei allen mega beliebt.

So. Bevor das hier noch ein Blog über meinen Kumpel wird, muss ich wohl wieder zum Hauptthema zurückkehren.

Zurück zum Leoparden. Und sein Name:

Bazooka.

Der Leopard ohne Wadli wie Eichenstämme, aber mit einem Nacken wie ein Eichenstamm

Bazooka ist ungefähr 13 Jahre alt. Für einen männlichen Leoparden ist das schon ein beachtliches Alter. Nach jeder Regenzeit warten alle gespannt darauf, ihn irgendwo im Gebiet wieder auftauchen zu sehen.

Er hat ein riesiges Territorium und verteidigt es mit vollem Körpereinsatz. Einmal hatte er einen derart heftigen Kampf mit einem Rivalen, dass alle dachten, er würde vielleicht nie wieder richtig laufen können.

Aber Bazooka wäre nicht Bazooka, wenn er sich davon einfach aus dem Geschäft drängen liesse. Er hat sich erholt und ist zurückgekommen.

Ein Kämpfer eben.

Über die Jahre hat er zahlreiche Nachkommen gezeugt. Eine ziemlich beeindruckende genetische Maschine auf vier Pfoten. Und wenn er nicht gerade sein Territorium verteidigt oder sich mit der Konkurrenz herumschlägt, liegt er gerne auf einem Baum und geniesst das Leben.

Am liebsten mit Aussicht.

Auf Löwen.

Mit Impalaresten neben sich auf dem Baum.

Und mit einem ordentlich gefüllten Bauch.

Also quasi mein Traum: das Safari-Baumhaus, All-inclusive.

Sein Territorium erstreckt sich über einen grossen Teil der Kafue Riverfront im Musekese-Gebiet. Rund um Edens Lagoon liegt gewissermassen sein persönliches Bermudadreieck. Hier kennt er sich aus, hier hat er das Sagen, und hier sollte man besser wissen, mit wem man es zu tun hat.

Viele unserer Gäste kommen nach einer Bazooka-Sichtung zurück ins Camp und sind erst einmal komplett geflasht.

Und ich verstehe das.

Dieser Leopard ist massiv. Nicht einfach nur schön gefleckt und fotogen, sondern ein richtiges Brett von einem Tier. Eine Erscheinung, bei der man sich fragt, ob die Natur irgendwann beschlossen hat, beim Muskelaufbau einfach ein bisschen zu übertreiben.

Als ich das Vergnügen hatte, Bazooka selbst zu sehen, lag er auf einem Baum. Mit Blick auf die Löwen, ein paar Impalaresten neben sich und dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der nach einem guten Mittagessen absolut keine Termine mehr annimmt.

Irgendwann stand er dann doch auf.

Und pinkelte erst einmal auf unser Auto.

Danke auch, Bazooka.

Und falls ihr euch jetzt fragt: Ja, Leopardenpisse riecht tatsächlich nach Popcorn. Oder, wie andere sagen, nach gekochtem Reis.

Geil.

Ein echter Boss hat Geschichten

Wenn ich unsere Guides oder die Direktoren auf Bazooka anspreche, dauert es normalerweise nicht lange, bis irgendeine Geschichte ausgepackt wird. Jeder scheint eine Lieblingsgeschichte über diesen Kerl zu haben.

Bwana T. erzählt beispielsweise, dass Bazooka wirklich ein aussergewöhnlicher Leopard sei.

Eine seiner Geschichten handelt von einer Leopardin mit zwei Jungen. Bazooka war offenbar gerade in entsprechender Stimmung, und weder die beiden Leopardencubs noch das Auto voller Touristen konnten ihn davon abhalten, sich mit der Dame zu paaren.

Romantik im Busch.

Manche Menschen buchen für solche Momente ein Candle-Light-Dinner. Andere bekommen eine Leopardensichtung mit Familienprogramm.

Die zwei kleinen Zuschauer hatten jedenfalls vermutlich noch nicht ganz verstanden, was der «Alte» da gerade veranstaltete. Und die Touristen im Auto hatten danach wohl ebenfalls Gesprächsstoff für den Rest des Urlaubs.

Eine andere Geschichte handelt von einem Männchen, das zeitweise im Gebiet unterwegs war. Zwischen den beiden gab es offenbar eine ziemlich spektakuläre Auseinandersetzung.

Das Interessante daran: Über längere Zeit verbrachten die beiden tagsüber immer wieder Zeit im selben Gebiet. Irgendwie tolerierten sie sich, gleichzeitig war die Spannung zwischen ihnen aber deutlich spürbar.

Tag für Tag ging das so weiter.

Bis es irgendwann ordentlich krachte.

Zunächst wusste man nicht, welcher der beiden den Kampf überlebt hatte und wer als Sieger daraus hervorgegangen war. Nach einiger Zeit wurde Bazooka allerdings wieder in seinem Gebiet gesichtet. Ohne seinen Rivalen.

Und wenn ich mir Bazooka so ansehe, wundert mich das nicht wirklich.

Er ist eben kein kleiner Kater, der sich bei der ersten Meinungsverschiedenheit schmollend vom Acker macht.

Bazooka ist ein Boss.

Und er ist inzwischen so etwas wie der Vater einer ganzen Generation jüngerer Männchen in diesem Gebiet. Seine Gene sind hier ordentlich vertreten. Eine Art Familienunternehmen, bei dem der Senior noch immer selbst im Busch unterwegs ist und offenbar nicht daran denkt, den Laden schon abzugeben.

Und dann wäre da noch die Geschichte mit dem Hippo.

Denn Bazooka hat in seiner besten Zeit tatsächlich einmal ein Flusspferd erlegt und auf einen Baum gezogen.

Okay, wir reden hier nicht von einem ausgewachsenen Hippo. Aber eben auch nicht von einem winzigen Baby, das gerade erst beschlossen hat, die Welt zu entdecken.

Ein einjähriges Flusspferd kann bereits über 200 Kilogramm wiegen.

Zweihundert Kilo.

Auf einen Baum.

Durch einen Leoparden.

Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, aber ich finde das ziemlich absurd. Ein Leopard ist schliesslich kein Gabelstapler.

Und genau solche Geschichten machen Bazooka zu dem, was er ist: ein aussergewöhnlicher Leopard, der bei den Menschen, die ihn über Jahre beobachten, ordentlich Eindruck hinterlassen hat.

Eine Legende mit Ablaufdatum?

Natürlich ist auch Bazooka nicht unsterblich.

Mit ungefähr 13 Jahren gehört er zu den älteren Herren im Gebiet. Und wenn man seine Geschichten hört, versteht man, warum sich unsere Guides nach jeder Regenzeit mega freuen, wenn er wieder auftaucht.

Er hat gekämpft, überlebt, sein Territorium verteidigt und seine Gene weitergegeben. Er hat sich mit Rivalen angelegt, Hippos erlegt und offenbar auch keine Hemmungen, fremde Fahrzeuge als Toilette zu benutzen.

Ein Leben, das man erst einmal nachmachen muss.

Und jetzt hoffen wir, dass wir ihn auch in der nächsten Saison wieder irgendwo auf einem Baum entdecken. Vielleicht mit einem Impalarest zwischen den Pfoten, vielleicht mit Blick auf die Löwen und hoffentlich mit erneute Fahrzeugdusche.

Bazooka, du alter Schwinger.

Bleib noch ein bisschen.

Wir sind noch nicht fertig mit dir.


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