Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

2 brüder, 5 nächte & 0 ahnung

Es ist Abend, ich stehe in der Küche. Keine Gäste in der Lodge, also kochen wir für uns selbst. Immer gut, immer kreativ – eben das, was der Kühlschrank so hergibt und nicht schon fürs Gästemenü verplant ist.

Da kommt T aus dem Office. Ihr Blick verrät alles: Stirn gerunzelt, Handy in der Hand, Augen rollen, Zungenspitze leicht draussen – und gleichzeitig dieses riesige Grinsen. Niemand kann wie T mit einem einzigen Gesichtsausdruck eine ganze Situation zusammenfassen.

„Wir haben eine aussergewöhnliche Anfrage bekommen“, sage ich, noch bevor sie den Mund aufmacht.

Treffer.

Sie erzählt von einer Buchungsanfrage. Und vom Telefonat dazu.

Eigentlich wollte ich nicht schon wieder über Gäste schreiben. Aber diese zwei? Die passen in keine Schublade. Die verdienen ihren eigenen Eintrag.

Also von vorne

Last-Minute-Anfrage – weil ja alles im Busch gleich um die Ecke ist und wir hier mal kurz ins Einkaufszentrum hüpfen können. Die Anfrage: Zwei Personen. Infos zu Lodge, Glamping und Camping. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. T schickt die Standards: Preise, Optionen, Aktivitäten, Glamping mit gestellten Zelten & Stretchern oder Camping mit eigenem Equipment. Mit allen Infos, fein säuberlich erklärt.

Normalerweise kommen die Leute mit Auto, Dachzelt oder Trailer.
Aber diese zwei? Nein.
Ihr Plan: Mit dem öffentlichen Bus bis zum Parkgate, von uns abgeholt werden – und dann ihr eigenes Zelt aufbauen.

Wir hätten gleich wissen müssen, dass das nicht einfach Camping wird, sondern ein Abenteuer mit Ansage.

„Die bringen hundertpro ein Mini-Festivalzelt mit. Ohne Essen, ohne Töpfe, ohne Besteck. Und am Ende müssen wir alles für die machen“, sagt T noch.

Spoiler: Sie hatte so recht.

Die zwei tauchten tatsächlich mit dem Bus auf, entschuldigten sich noch dafür, dass er zu spät war – sehr deutsch – als wüssten wir nicht längst, dass „Africa Time“ mindestens eine Stunde Verspätung bedeutet.

Amateure.

Ein erster Hinweis: die beiden sind wohl zum allerersten Mal in Afrika.

Die Brüder

Deutsche Jungs, etwa in meinem Alter. Der eine heisst wie einer von den „Drei ???“, der andere fast identisch. Ihre Eltern waren offenbar nicht so kreativ bei der Namenswahl. Ich brauchte bis Tag drei, um sicher zu sein, wer welchen Namen hat.

Aber immerhin: Sie hatten die kreative Idee, Backpacking in Sambia zu machen. Mutig und naiv.

Mag ich.

Ihr Zelt? Eine absolute Katastrophe. Hüfthoch, wacklig, ein Festival-Einmannzelt, das nicht mal einen Elefantenfurz aushalten würde. Schon der erste Windstoss hätte sie samt Ausrüstung einmal quer durchs Camp geweht. Nicht mal ihr Gepäck hatte darin Platz!

Natürlich hatten sie sonst auch nichts dabei – ausser Erdnussbutter. Kein Wasser, kein Besteck, keine Töpfe. Wir wussten in den ersten fünf Minuten, dass sie T’s Infos schlicht ignoriert hatten.

Also haben wir improvisiert: ein kleines Mittagessen für sie vorbereitet. Weil wir so sind.

Mein Bauchgefühl – nennen wir ihn Sir Leopold von Recht – sagte mir schon: Das endet nicht gut.

Und tatsächlich: Als ich zum Zeltplatz kam, stand der Korb unberührt unter einem Baum. Einer der Brüder lag auf der Holzbank daneben, Jesusmähne im Gesicht, und schlief tief und fest. Stühle hatten sie natürlich auch keine. Der andere? Vermutlich im Schuhkarton von Zelt eingeschlafen.

Ich weckte den mit der Mähne, stellte mich vor, entschuldigte mich fürs Stören und bat ihn, das Essen wenigstens im Zelt aufzubewahren.

Weil Affen – Punkt!

Willkommen im Busch.

Die Amateure punkten

Später besuchte ich sie nochmal. Diesmal waren beide wach, und wir kamen ins Gespräch. Super nett, unkompliziert, extrem dankbar für alles, was wir für sie möglich machten.

„Habt ihr Taschenlampen?“, fragte ich.
„Ja“, sagten sie.
„Handy zählt nicht“, sagte ich.
„Nein, nein, unser Vater achtet immer auf gutes Licht. Wir haben ein Fahrradlicht dabei.“

Kennt ihr dieses Gif, wo sich alle gleichzeitig mit der Hand an den Kopf fassen? Genau so hab ich mich gefühlt.

Aber hey: Sie waren höflich, humorvoll und schlau. Einer führte sogar ein Tagebuch mit Zeichnungen.

Ich mochte die Jungs einfach.

Das Upgrade

Am zweiten Tag fuhren Q und ich mit ihnen zu den Rapids. Ein magischer Ort: Stromschnellen, Nischenpools, Bäume, die auf Felsen wachsen, perfekte Naturkunstwerke. Man kann im Kafue River plantschen – mit Krokodilen und Hippos in der Nähe. Einzigartig!

Mit den beiden war Guiding ein Vergnügen. Interessiert, fragend, voller Begeisterung.

T blieb zwar anfangs streng („Sie kriegen, was sie gebucht haben, keine Extrawürste!“), aber ich wusste: früher oder später mutiert sie zu Mama T.

Und genau so kam es – wir tauschten ihr Festivalzelt gegen ein echtes Safarizelt. – als Überraschung. Als sie zurück ins Camp kamen, staunten sie nicht schlecht: Gratis-Upgrade! Ihre Gesichter leuchteten, als hätten wir ihnen eine Fünf-Sterne-Suite hingestellt.

Von da an war klar: Wir werden eine gute Zeit haben mit den zwei Amateur-Barfusssoldaten. Denn ja – sie liefen gerne barfuss, aber es wirkte eher wie tanzende Ameisen auf Drogen im heissen Sand.

Busch-Momente

Ich wurde sogar zum Schach eingeladen – und gewann. Meine Freunde würden jetzt sagen: „Dann muss dein Gegner ja blind gewesen sein.“ Aber nein – er war gut. Ich einfach besser. (An dem Tag zumindest.)

Sie hatten fast täglich Elefantenbesuch. Und als der eine – Jesusfrisur – gedankenversunken von der Toilette zurückmarschierte, fast über einen grauen Riesen stolperte, war klar: Wäre er nicht gerade von der Toilette zurückgekommen, wäre die Hose bestimmt braun geworden.

Extra-Punkt für die beiden: Sie haben meine Faszination für Tierscheisse weder kommentiert noch verurteilt – wahre Gentlemen.

Ihr Löwenglück blieb zuerst überschaubar. Einmal sahen sie einen Löwen bei einem Night Drive, weit entfernt. Aber natürlich hatten sie von den wilden Abenteuern der Raubkatzen geträumt.

Und dann, letzte Nacht im Camp: Löwengebrüll. Laut. Nah. So nah, dass die Jungs später erzählten, die Tiere seien direkt neben ihrem Zelt gewesen. Mit glänzenden Augen berichteten sie, wie sie starr im Zelt ausharrten – und irgendwann dann doch lieber direkt vom Zelt aus urinierten.

Da war er: dieser neue, wilde Respekt vor dem Afrikabusch.

Abschied & Wiedersehen

Jeden Abend am Feuer kochten sie unsere gelieferten Zutaten selbst zu Ende: Beef Stew mit Reis, handgemachte Kürbisravioli in Butter-Salbei, Spaghetti Bolognese, ein klassischer Braai.

Das ist, was ich an meinem Arbeitsort so liebe: Gäste werden mit einem Händedruck begrüsst und mit einer Umarmung verabschiedet. Momente, die so viel mehr sind als Service. Magisch, weil wir kein „normales“ Camp sind – sondern weil Q, T, das Team und die Gäste gemeinsam dieses Zuhause im Busch erschaffen.

Der Tag ihrer Abreise war auch mein Abreisetag. Ich fliege für zwei Wochen in die Schweiz, zu einer Hochzeit und zu Familie & Freunden. Mein Abschied fiel mir schwer. Aber in Lusaka, im Backpacker, traf ich sie wieder: die zwei Barfusssoldaten. Wir assen zusammen, tranken Bier, lachten viel.

Und so stolpern die zwei Barfusssoldaten weiter durch Afrika – mit zu kleinem Zelt, Fahrradlampe und Erdnussbutter. Und trotzdem: irgendwie haben sie es geschafft, den Busch zu erobern. Vielleicht ist das ja die eigentliche Kunst.

Eine Antwort zu „2 brüder, 5 nächte & 0 ahnung“

  1. Avatar von zealous89a47db88c
    zealous89a47db88c

    Hallo Kerstin

    Merci viu mau für deine Top Unterhaltung. Ich habe jedes mal das Gefühl das ich selber direkt im Busch bin.

    Ich wünsche Dir einen guten Aufenthalt in der Heimat.

    Gruess Sämu

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