Meine Buschbeobachtung einer eigenen Spezies
Ich dachte ja, wenn ich meinen Job im Gefängnis kündige und nach Afrika ziehe, wechsle ich automatisch vom Menschen- zum Tierverhalten.
Phaa!
Zumindest in meiner Utopie, in der ich lebe, war es so … aber von wegen.
Willkommen in der Gastronomie – wo das wilde Leben manchmal im Toyota Hilux mit Trailer vorfährt, mit perfekt geföhnter Mähne inklusive.
Dies hier ist der erste Eintrag einer ganzen Reihe über verschiedene Gästetypen, die mir hier begegnen. Und ehrlich: Ich könnte keinen besseren Start wählen als mit ihnen:
den Jo’burg Gypsys.
Oder sagen wir’s gleich, wie es ist. Es geht dabei um die Frauen: die Tannies.
Sorry, aber sie sind alle gleich, tragen denselben Lippenstift und es würde mich nicht wundern, wenn sie sich auch denselben Frisör teilen.
Ich erkenne die „Rolling Tannies“ sofort. Sie reisen nie allein – immer ist da ein Ehemann dabei und oft noch weitere Tannies samt Anhang. Sie erscheinen eben gern im Rudel.
Kurz zur Erklärung: In Afrikaans (eine von elf Amtsprachen in Südafrika) nennt man eine Tante „Tannie“. Wichtig ist, dass man das T eigentlich, wie ein D betont – man spricht es also „Danni“ aus.
Tannie wird man nicht, wie wir es kennen, wenn wir Tanten werden, weil Bruder oder Schwester Kinder haben – man ist es einfach. Man wird quasi in die Rolle hineingeboren. „Tannie sein“ ist ein lifestyle! Punkt.
Ihre grösste Leidenschaft?
Nebst zu viel Schminke: finanziell abhängig sein vom Ehemann, der am liebsten sein Klippie mit Coke kippt, kurze Hosen trägt und keine Ahnung hat, wie man eine Waschmaschine bedient.
Sie selbst? Meisterinnen im Kommandieren, Olympia-Gewinnerinnen im Urteilen und Expertinnen darin, ungefragt ihre Meinung rauszuhauen.
Sie ruinieren jedes Essen mit unnötig viel Chutney, Cheddar und Sweet-and-Sour-Sauce, brauchen Bestätigung, wie perfekt ihre Trailer-Küche organisiert ist, und wollen 5-Sterne-Service für null Rand. Gibst du ihnen den kleinen Finger, nehmen sie dir den ganzen Arm ab.
Du erklärst, dass das Walkie-Talkie nur für Notfälle ist – sie benutzen es, um zu fragen, wer ihr Geschirr abwäscht.
Ma Donna.
Beifahrersitz? Immer.
Der Trailer ist sein Königreich, die Küche darin ihr Heiligtum.
Nägel feilen im Auto? Check.
Gossip-Magazine lesen und sich über die Tsetse-Fliegen beschweren? Doppel-Check.
Ankunft der Königinnen. Ich erkenne sie sofort, sobald sie aus dem Auto steigen (falls sie überhaupt aussteigen).
Selbst nach drei Wochen Trailer-Leben ist ihre Kleidung faltenfrei – und ihr Duft? Eine Ohrfeige aus Rosenwasser.
Dazu das Grinsen mit Lippenstift auf den Zähnen und ihr propp’res Afrikaans-English.
Ich, barfuss, Dreck bis zu den Knien, schliesse innerlich die Wette ab: Wie lange es dauert, bis die persönlichen Fragen kommen und sie anfangen, mein Leben zu kommentieren?
Ich nenne es liebevoll „das Kreuzverhör„.
Ich begrüsse die Frauen zuerst – damit der Mann schon mal verdutzt guckt.
Mein Händedruck: fest.
Mein Grinsen: echt.
Kaum ist das Check-in durch, frage ich die Gruppe, ob sie alles verstanden haben oder noch etwas wissen möchten. Mein Fehler, ich weiss. Aber auch nach so vielen Tannies bin ich womöglich immer noch hoffnungsvoll, dass sie vielleicht mal etwas Relevantes fragen.
Kommt aber nie.
Immer persönlich.
Ich schwöre, die Tannies haben keinen Sinn für Grenzen oder Privatsphäre. Sie sind hungrig, durstig und lechzen nach Informationen, damit sie sich später beim Durchforsten ihrer Tupperboxen voller Homemade Rusks austauschen können.
„Kerry, are you married?“
„Where is your husband, Kerry?“
Sobald ich antworte, dass ich Single bin, kommt prompt ihr Urteil. Ich schwöre, es läuft immer gleich ab:
Ihr Blick? Als wäre jemand gestorben. Kopf leicht geneigt, Schultern hochgezogen – und mit dem Fallenlassen der Schultern kommt er, mit einem tiefen Seufzer, immer derselbe Satz:
„AAAACH, Shame!!“
Manchmal läuft in meinem Kopf schon der Countdown: 3,
2,
1
… bis das wertende „Ach, Shame“ fällt. Und wie oft ich dieses Ach, Shame schon gehört habe …
Busch-Diplomatie ist nun gefragt!
Manchmal macht’s mich stinkig, manchmal finde ich es einfach nur lächerlich.
Für Tannies ist es ein Lebensziel, mit 18 die Hochzeit zu planen und mit 25 Kinder zu haben. Für sie ist es unvorstellbar, fast ein Horror, dass ich mit 32 Jahren Single, kinderlos, ohne Mann meine Träume verfolge und mein eigenes Geld verdiene. Eigentlich interessiert es sie nämlich gar nicht, ob ich glücklich bin oder nicht.
Sie sind es nicht, also nicht mit meiner Situation.
Also erklären sie mir mit ernster Miene, dass ich unbedingt einen Südafrikaner heiraten müsse. Am besten einen mit Land und allem Drum und Dran. Kommt mir irgendwie bekannt vor – klingt wie das Geleier meiner Grossmutter. Nur, dass er bei ihr nicht aus Südafrika kommen muss. Ihr würde einer aus dem Ämmital schon reichen.
Wie auch bei meinem Grosi geht die Mitteilung zum einen Ohr rein und zum andern direkt wieder raus.
Aber mittlerweile bin ich Profi im Umgang mit Tannies.
Ich lobe ihre Tischdecken und Girlanden, bewundere das Küchensetup, nicke brav, wenn sie erzählen, dass sie mit 50 schon achtfache Grosseltern sind – und schweige, wenn der Lippenstift auf den Zähnen klebt oder das Rosenwasser nach Rosenklo riecht.
Ich ignoriere die Flirterei ihrer Männer und nehme den Schnaps, den sie mir hinstellen.
Weird, aber Tannies lieben mich!
Sie adoptieren mich direkt in ihre Familie, laden mich zum Abendessen ein, nur um mehr Zeit zu haben, mir ihre Lebensweisheiten an den Kopf zu werfen.
Ich erfülle ihre Sonderwünsche: extra Eis, mehr Feuerholz, private Lodge-Tour, buche ihre nächste Unterkunft – alles.
Trinkgeld? Vergiss es.
Aber was wir nicht tun: ihr Geschirr waschen. Nie!
Und ich?
Ich dachte, ich käme nach Afrika, um Tiere zu beobachten.
Dabei sitze ich längst in der ersten Reihe einer ganz anderen Show mit Protagonistinnen, die lauter schnurren, fauchen und glitzern als jede Grosskatze.

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