Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

Die Geschichte von Stumpy Tail

Wir sind im Jahr 2023. Ich stecke mitten in meinem Praktikum. Gleicher Ort, anderes Jahr.
Ich stehe in der Lodgeküche, backe Bananenbrot für die Gäste & natürlich bin ich am schnouse..

Damals war das Team noch klein, jeder machte irgendwie alles. Heute? Heute esse ich einfach Bananenbrot – ohne die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Naja, ein paar Brösmeli liegen immer rum, aber hey, so bin ich eben. Ich teile gerne mit Käfern und so… Jedenfalls bin ich inzwischen ziemlich verwöhnt – also kulinarisch. Meine Jobbeschreibung ist gewachsen, ich bin jetzt irgendwie erwachsen. Oder ich tue zumindest so. manchmal…

Doch zurück zu meinem Bananenbrot. Eigentlich komplett irrelevant für diese Geschichte.

Item.


Plötzlich knistert der Funk:

„Leopard auf Baum, unbedingt kommen & Fotos machen!“

Ähm, hallo? Wer will sich sowas schon entgehen lassen?!

Das Auto? Natürlich gerade beim Chef, der den Leoparden entdeckt hat. Also schnappen sich meine Chefin und ich kurzerhand den Suzuki Jimny – ohne Dach, ohne Türen. Geil? Super geil!

Raus aus dem Camp, rein in die Wildnis – und da sass er: ein Leopard, hoch oben auf einem Ast.

Ehrlich wär ich ein Leopard, ich würde mir definitiv einen bequemeren Ast aussuchen. Mein Hirn schweift ab: Merkt der Baum eigentlich, wenn da ein Leopard hochklettert? Wie fühlt sich ein Vogel, wenn er landen will und plötzlich liegt da ein Raubtier? Und will ich lieber Baum oder Leopard sein?


Hallo, ADHS, da bist du ja wieder.

Ich versuche mich auf den schönen Kater zu konzentrieren – funktioniert so mittel. Mein Blick schweift und dann erkenne ich den Grund, warum der Leopard auf dem Baum ist:

die Löwin.


Ein Auge blind, Narben im Gesicht, vom Schwanz nur noch ein Stummel. Daher ihr Name:

Stumpy Tail.

Ganz ehrlich? Irgendwie unsexy der Name. Schau sie dir an: blind auf einem Auge, vernarbtes Gesicht – man hätte sie easy „Pirat der Safari“ nennen können. Oder „One-Eyed Legend“. Aber gut, mich fragt ja keiner, wenn’s um Löwennamen geht. Item.

Sie sah mich an. Ich sie. Ich schwöre, ihr Blick huscht über meine Oberschenkel und wieder hoch in mein Gesicht. Ohne Türen am Auto fühle ich mich ihr komplett ausgeliefert.

Fressbar.

Mein Herz hämmert bis in den Hals, und neben mir höre ich meine Chefin laut leer schlucken.
Stumpy Tail schleicht mit ihren Löwinnen ums Auto, läuft vor uns durch – und verschwindet dann einfach fucking so im Gebüsch, um sich dort hinzulegen.

Erleichterung? Ja. Aber gleichzeitig die absurde Enttäuschung:
Bin ich wirklich nicht schmackhaft genug?!

Stumpy Tail – Die Legende

Stumpy Tail ist keine gewöhnliche Löwin.

Sie ist a legend lion.

Das Zambian Carnivore Programme (ZCP) hat sie jahrelang begleitet – die Leute mit den Hightech-Halsbändern. Dank GPS-Tracking wissen sie, wo sich Löwen aufhalten, wie sie jagen, wie sie ziehen. Und sie retten Tiere vor Fallen und Konflikten mit Menschen. Ohne ihre Arbeit wüssten wir von Stumpy Tail wahrscheinlich nur die Hälfte.

Denn diese Löwin ist…

anders.

Rebellisch. Eigen. Kein typisches Rudelmitglied.
Anna von ZCP hat Stumpy Tail vor rund sieben Jahren das erste Collar verpasst. Kurz darauf bekam sie Junge. Problem: zwei fremde Männchen waren in der Gegend unterwegs. Und in der Löwenwelt bedeutet das meist: Kindsmord. Neue Männchen töten fremde Jungtiere, damit die Weibchen wieder paarungsbereit werden. Brutal, ja – aber Natur ist kein Disney-Film.

Sorry, für alle, die denken Lion King ist real…

Stumpy Tail aber dachte sich: Nicht mit mir!
Sie zog mit ihren Jungen ab, verschwand für fast zwei Jahre, kam dann zurück – rebellisch wie eh und je. Mal liess sie ihre Töchter für Jahre einfach allein, mal kehrte sie zurück, versöhnte sich mit ihnen, zog Enkel auf, verschwand wieder. Sie wanderte viel weiter als andere Löwinnen, ging oft solo. Eine Löwin, die ihr eigenes Ding machte. Nicht die beste Mutter vielleicht, aber definitiv eine Kämpferin.


Blind auf einem Auge, halber Schwanz, voller Charakter.

2024 – Die Begegnung, die bleibt

Wir begegnen hier im Kafue NP immer wieder Löwen. Auch wenn Lars was anderes behauptet. (andere Story)

Stumpy Tail war keine, die man nur einmal sieht. Ich bin ihr nach dem ersten Treffen immer mal wieder begegnet.


Doch ein Moment im Jahr 2024 brennt sich bis heute ein:

Ich sitze am Laptop, mache Bookings, so Büro-BlaBla. Plötzlich höre ich den Alarmruf eines Puku (Antilope, die bei Gefahr pfeift). Mittags, in der Hitze? Da ist definitiv eine Katze unterwegs. Miau!

Laptop eingepackt – clever.

Tasche nicht zugemacht – weniger clever.

Laptoptasche mit der Öffnung nach unten unter den Arm geklemmt. – einfach nur super dumm!

Kamera geschnappt, barfuss losmarschiert. Mutig? JA, Vielleicht. Riskant? Auch. Keine 20 Meter vor mir steht sie: Stumpy Tail – diesmal mit ihren Töchtern und Enkeln.


Meine Unterhose? Höchstwahrscheinlich braun.
Ich mache Fotos, halte die Tasche schief, und zack rutscht mein Laptop raus. Mit einem Knall landet er auf dem Boden im Staub und Dreck. Stumpy Tail springt auf, stellt sich vor ihre Jungen, starrt mich an.

Ich starre zurück. Und ertappe mich dabei, wie ich nur in ihr blindes Auge starre. Habe ich irgendwie die komische Hoffnung, dass sie mich dadurch nicht sieht?

Langsam gehe ich rückwärts, Schritt für Schritt, bis ich ums Haus verschwinde, ins Auto springe und ich sie nun aus dem Auto beobachten und verfolgen kann.

Adrenalin runter, Fotos safe. Laptop? Tot. Grafikfehler deluxe. Dank, der lieben Mobiliar-Versicherung, meinen Fotos und der perfekten Schadens-Skizze habe ich wieder einen neuen Laptop.

(By the way: das war Laptop Nummer #3 innerhalb von 3 Jahren & mittlerweile bin ich bei Laptop Nummer 5 – aber das ist eine andere Geschichte)

Das Ende einer Legende

2025.

Ich bin zurück im Camp. Anna von ZCP und ich sitzen auf dem Boot, Bier in der Hand, reden über Löwen. Und dann die Nachricht:

Stumpy Tail ist tot.

Ich war geschockt. Irgendwie dachte ich, sie überlebt uns alle.
Etwa 13 Jahre alt wurde sie – ein stolzes Alter für eine Löwin. Vermutlich wurde sie bei einem Kampf mit einem Männchen verletzt und getötet. Badass bis zum Schluss.

ZCP fand ihr GPS-Signal tagelang am selben Ort. Sie fuhren raus, fanden ihren Körper und die Verletzungen.

Stumpy Tail war mehr als nur eine Löwin. Sie war Kämpferin. Rebellin. Mentorin.
Sie hat uns gezeigt, dass nicht mal in der Löwenwelt alles nach 0815 läuft.

Und auch wenn sie jetzt nicht mehr durch die Büsche streift, lebt sie weiter – in den Geschichten, am Lagerfeuer, in den Funkgeräten und in meinem Herzen sowieso.

Manche Löwen kreuzen deinen Weg und verblassen wie ein Traum.
Und manche, wie Stumpy Tail, blicken dich an – einäugig, tief – und begleiten dich für immer.

2 Antworten zu „Die Geschichte von Stumpy Tail”.

  1. Avatar von enthusiastfreely6c1823a5c9
    enthusiastfreely6c1823a5c9

    RIP Stumpy Tail 🕊️🦁🩶

    Gefällt 1 Person

    1. Avatar von zealous89a47db88c
      zealous89a47db88c

      Hallo Kerstin

      Ich Danke für deine Beitrag, ich geniesse es einfach.

      Ig wünschter aues guete und auf ein neues.

      Gruess Sämu

      Gefällt 1 Person

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