Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

Und dann kam Granny G!

Zuerst haben wir uns ein bisschen darüber geärgert, als wir festgestellt haben, dass in meiner allerletzten Woche vor der Abreise ein einzelner Lodgegast bei uns eintrudeln wird.

Alleinreisende sind an sich ja super – meistens extrem sozial, sehr gesprächsfreudig und dankbar für Unterhaltung. Alles schön und gut. Aber genau das ist mein Job: unterhalten, begleiten, betreuen – Gastgeberin on duty.

Sprich:
Alle Mahlzeiten gemeinsam.
Alle Drives gemeinsam.
Zero Zeit für sentimental-Abschied-Drama und
goodbye Herzschmerz.

Ich sass also mit ein paar Campinggästen im Roundhouse, als SIE auftauchte.

Granny G.

Ich schätze sie auf etwa 70. Freundliches Gesicht, wacher Blick, ein Lächeln, das an die Sorte Mensch erinnert, die immer frisch gebackenen Kuchen hat und Bonbons in der Handtasche rumträgt. Die Art von Dame, die seit 50 Jahren das gleiche Parfum trägt und niemals jemanden nicht grüssen würde.

Tessa macht das Check-in, und ich habe noch keine Ahnung, in welche Art Orkan ich da gleich hineinlaufen werde.

Q, T und ich hatten uns schon damit abgefunden, dass mein Abschied eher so mittel-spektakulär wird – weil wir eben Rücksicht auf Granny G nehmen wollen.
Plan: Wir essen jeden Abend alle zusammen, damit wenigstens ein kleines Zusammensein möglich bleibt.

Wenig wussten wir, dass Granny G absolut NICHT die Tee-und-Strick-Omi von nebenan ist.

Denn …

Granny G ist BADASS.

Diese Frau ist eine lebende Legende auf zwei Beinen.
Mehr erlebt, als ich jemals zu erzählen hätte.
Mehr Stories, als mein Blog tragen kann.

Ihre Eltern kommen aus England. Sie ist in Zambia aufgewachsen, später ins Internat gegangen, lebt heute in Südafrika und ist pensioniert – aber in ihrer Energie wirkt sie wie 20.
Sie hat den gesamten Zambezi River per Kanu oder Boot hinter sich.

Sie findet es „scheisse“, dass Einheimische Puffadders (Schlangen) töten, wenn sie ins Haus kommen.
Also hat sie kurzerhand beschlossen, selbst Schlangen zu fangen.

Und jetzt festhalten:
Sie hat aufgehört zu zählen – bei 120 Puffadders.
(Die zählen übrigens als „sehr giftig“ – einfach falls jemand das kurz vergessen hat.)

Q fragt völlig entsetzt:
„Mit welchem Tool? Zange? Rohr? Handschutz …?“
Und sie so:
„Nein. Einfach am Schwanz packen und langsam hochheben.“

Ich schwöre, mein Gehirn ist kurz blau geworden vor Schock.

Und damit nicht genug:
Im Koffer führt sie eine Plastikschlange mit, um Hauskeeper in jedem Camp zu verarschen.
Hat sie natürlich auch bei uns gemacht.

Q marschiert los, komplett ausgestattet, bereit für den Kampf seines Lebens.
Pikst die Schlange mit der Zange.
Keine Bewegung.
Nochmals.
Nichts.
Er denkt, die Farbe ist wie bei einer Black Mamba – aber irgendwas stimmt nicht.

Dann merkt er:
Gummi.

Und in der Ferne hört man Granny G lachen und grunzen wie eine überdrehte Wildsau.
Ich habe mich darin so sehr selbst gesehen, ich konnte nicht mehr.

Diese Frau liebt den Busch. Sie ist schlagfertig, clever und bestellt ihren ersten Weisswein um 10 Uhr morgens nach dem Drive.
„Und bitte bis zum Rand füllen. Sonst bringt es ja nix.“

Sie steht nicht um 5:00 auf, um auf Safari zu gehen.
Sie steht um 7:00 auf – weil sie es will.
Sie will Action, keine Langeweile.
Sie kocht nicht (kann’s auch nicht), isst aber trotzdem gerne.
Sie spielt Boules, aber offenbar ist das nur ein Vorwand, um sich mit Freunden zu treffen und zu trinken.

Sie ist leidenschaftlich, frech und abenteuerlustig.

Auf einem Gamedrive sehen wir eine Schlange.
Granny G fragt völlig ernst:
„Kann ich aussteigen?“

Q und sie – beide Schlangenliebhaber – sehen sich diese Black Temple Cat Snake oder Cat Black Temple Snake oder Templecat Black Snake oder aaaagh … diese viel zu langen, verwirrenden Tiernamen an.
Item: Q und Granny G wollen die Schlange anfassen, und erst als das Ding sich aufrichtet und klar signalisiert, dass sie nicht entspannt ist, sagt sie ganz ruhig:
„Ach, dann lieber nicht.“

Aus Respekt, sagt sie.
Ich dagegen sitze versteinert im Auto und versuche, meine Seele in meiner Unterhose zu finden.

Und das Schönste?
Granny G liebt mich.

Wir essen zusammen, necken uns, verbünden uns gegen Q’s Dad-Jokes, wollen Birdnerds werden und hauen Sprüche raus, bis uns der Bauch vom Lachen schmerzt.
Egal was passiert – Granny G hat eine Story.
Und sie ist IMMER wild.

Sie hat Lebensregeln wie:

„Schlimmer als warmes Bier ist gar kein Bier.“

„Tu, was du willst. Bereuen ist scheisse.“

„Man kann aus allem einen Grund zum Feiern machen.“

„Sei nicht der Gastgeber – sei der Gast. Dann kannst du gehen, wann du willst.“

Sie hat mich sogar eingeladen, bei meinem Roadtrip in Südafrika bei ihr in Knysna zu übernachten.
„Aber nur zwei Nächte. Länger halte ich keine Gäste aus.“
Fair point.

Ich sage ihr, dass wir alle Unterkünfte bereits gebucht haben, aber vielleicht kommen wir auf einen Kaffee vorbei.
Sie:
„Wenn du Kaffee willst, bring ihn selber mit. Ich habe aber Wein.“

Und damit war alles gesagt.

Irgendwann – zwischen Birdnerd-Diskussionen, Weisswein zum Frühstück, Plastikschlangen im Badezimmer und ihrer komplett furchtlosen Haltung gegenüber Tieren, die ich nur mit Schutzanzug anschauen würde – wurde mir klar:

Diese Woche war kein Verlust.
Sie war ein Geschenk.
Ein völlig unerwartetes, wildes, herzerwärmendes Geschenk.

Sie hat nicht meine letzte Woche begleitet.
Sie hat sie übernommen.
Mit Stil.
Mit Chaos.
Mit Wein.

Granny G kam nicht als Gast.
Sie kam als Tornado, der dich schüttelt, wachrüttelt, zum Lachen bringt und dich daran erinnert, dass das Leben nicht darauf wartet, dass du bereit bist.

Diese Frau hat mehr Abenteuer erlebt als manche in drei Leben.
Und sie hat mir gezeigt, wie ich alt werden will:

Nicht brav.
Nicht leise.
Nicht ordentlich.
Sondern wild.
Frech.
Neugierig.
Mit schmutzigen Füssen und guten Stories.

Und wenn das Leben dir eine Granny G schickt, sagst du nicht nein.
Du sagst:

„Cheers. Und füll das Glas bis zum Rand.“


Hat’s dich unterhalten? Freiwillige Weinspenden – bin ja jetzt im Urlaub – danke, du Legende.

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