Ich war ja selbst nie so das klassische Schulkind. Mehr so Team „Träumer“
Der Satz mit den Tomaten auf den Ohren gehörte irgendwie zu meinem Alltag.
Und mein Lehrer Herrn Briner höre ich heute noch in meinem Hinterkopf:
„Aus dir wird wohl nichts G’scheites.“
Ob er damit nun recht hatte oder nicht – lassen wir mal offen.
Meine überparfümierte Englischlehrerin wäre aber vermutlich ganz stolz, dass mein Englisch heute pretty much fluent ist.
Aber egal. Es geht ja darum, dass auch ich als Kind – und bis heute, wenn wir ehrlich sind – beim aktiven Zuhören nicht gerade brilliere.
Vielleicht, weil ich immer irgendwas anderes im Kopf habe.
Vielleicht, weil ich einfach ein rebellisches Dasein kultiviert habe.
Vermutlich aus Prinzip.
Heute habe ich jedenfalls das Gefühl, dass das Universum mir die Quittung schickt.
Payback Time!
Denn jetzt begegne ich einer neuen Gästespezies:
den Nicht-Zuhörern.
Ein globales Naturphänomen. Fast wie Termiten – einfach viel lauter und nerviger.
Diese Spezies erkennt man an Sätzen wie:
„Wir sind sehr buscherfahren.“
in Kombination mit:
„Wir reisen schon zum dritten Mal nach Afrika.“
und gefolgt von einem Blick, der absolut null Buschkompetenz ausstrahlt.
Check-in: Der Moment, wo alles noch hoffnungsvoll wirkt
Beim Check-in gibt’s unsere Basic-Überlebenstipps. Dinge, die eigentlich logisch wären – aber im Busch muss man wirklich alles sagen:
- Bitte nicht im Fluss schwimmen. Weil Hippos & Krokos.
- Bitte kein Essen unbeaufsichtigt lassen. Weil Affen. (Auch Lars rannte in Flipflops den Affen nach um die Burgerbrote zurück zu holen. Erfolglos)
- Bevor ihr Feuerholz anfasst, dagegen kicken. Weil Schlangen, Skorpione und andere Schmerzverursacher
(kleiner Spoiler für den nächsten Blog). - Das Wasser aus Dusche & Hahn kommt vom Fluss – bitte nicht trinken. Weil Durchfall.
Weiter geht’s mit:
- Zu Fuss bewegen ist okay – nur auf dem Camping-Areal & bei Dunkelheit nur mit Taschenlampe.
- Nicht rennen. Wer rennt, wird gejagt.
- Wir haben keine Zäune. Tiere haben immer Vortritt.
Alle nicken dann immer so brav – aber in ihren Augen sehe ich nur den Göschenen-Airolo-Blick. Wir Schweizer wissen schon, was wir damit meinen.
Und trotzdem … kommt’s wie’s kommen muss.
Hier ein paar ehrliche – leider repetitive – echte Storys:
Jogger, Socken-Sandalen-Liebhaber
Wir treffen Gäste auf Joggingrunden (!!!).
Oder Leute mit kniehohen weissen Socken in Sandalen – Herkunft uns allen bekannt – die mit Fernglas kilometerweit vom Camp weg spazieren.
Und hier ist das Problem:
Nicht-Zuhören kann hier lebensgefährlich werden.
Und ja, sie unterschreiben alles – aber ein Unfall?
Das kann ein Camp innert Stunden schliessen.
Das ist hier nicht Frankreich, wo dir höchstens das Strandtuch geklaut wird oder der Nachbar neidisch auf deine Schweizer Chäässchnitte glotzt.
Hier gilt:
Es ist von Vorteil, wenn du den Löwen zuerst siehst – und nicht umgekehrt. Punkt.
Dann haben wir die Gäste, die es auf die harte Tour lernen müssen:
Sie trinken das Wasser aus dem Hahn und müssen danach den gebuchten Gamedrive absagen, weil sie Durchfall haben.
Und ich rede hier von Campinggästen – und mein Zelt steht ja auch auf dem Campingplatz.
Das heisst:
Ich bekomme es zu hören, zu sehen … und zu riechen.
Den Durchfall ihres Lebens.
Habe ich das verdient?
Und wieder andere müssen tief in die Tasche greifen …
Die Straussenaugen & die 400-Dollar-Frage
Die Self-Drive-Helden
Dann gibt’s da noch die „Wir sind super-erfahrene 4×4“-Menschen.
Und stammen immer aus Länder, die ja bekanntlich voller gefährlicher Offroad-Gebiete sind … wie zum Beispiel Holland. *räusper*
Wir erklären:
Die Regenzeit hat angefangen und wir haben hier im Park viele Gebiete mit Black Cotton Soil = Schmierseife
bitte NICHT in die Loops fahren, weil ihr werdet stecken bleiben!
Bitte auf der Schotterpiste bleiben
Bitte teilt uns eure Route mit
Antwort:
„Wir kennen das. Wir haben schon viele Safaris gemacht.“
Schnitt
Abends fehlen sie.
Kein Auto.
Keine Info.
Nur Busch.
Und die Hippos, die lachen.
Als die Gäste am nächsten Morgen noch immer nicht zurück sind, alarmieren wir den Park.
Die müssen ein Flugzeug schicken, um sie aus der Luft zu finden.
Wir bekommen Koordinaten.
Wir fahren hin.
Bleiben selbst stecken.
Fluchen, lachen, schieben – repeat.
Aber wir schaffen es. Sekunden vor erneutem Regen.
Und dann kommt der Moment der Wahrheit.
Die Gäste sind unendlich dankbar – wirklich!
Und dann, beim Erwähnen der 400-USD-Rescue-Gebühr, machen sie ganz grosse Straussenaugen.
Wusstet ihr übrigens, dass Strausse die grössten Augen aller landlebenden Säugetiere haben?
Darum „Straussenaugen“.
Super smart von mir – nur mühsam, wenn man es immer erklären muss.
Und wir?
Wir fassen uns x-fach an den Kopf und sind fassungslos.
Was dagegen hilft?
Lästern.
Und das geht am besten im Gruppenchat mit unseren Nachbarn.
Da fällt die Abkürzung FFS sehr oft.
FFS – For. Fuck. Sake.
Bevor wir weitermachen, muss ich etwas erklären.
FFS: Ein kleines, praktisches Wort, das vor allem in diesem Gruppenchat inflationär auftaucht.
Wörtlich: „Um Gottes Willen.“
In der härteren Version.
Es ist der Moment, in dem du tief durchatmest, innerlich eine Handvoll Sand frisst und dir denkst:
„Das passiert jetzt nicht wirklich.“
Gerne nehme ich euch mit auf eine kleine FFS-Reise mit unseren Gästen von letzter Woche:
10:00
Gäste:
„Können wir eine Bootstour machen? Wie viele Personen? Preise? Uhrzeit? Alles bitte jetzt sofort.“
Ich: „Klar, checke das gleich ab – unser Boot ist in Lusaka im Service, also nur über die Nachbarn möglich.“
10:30
Ich komme mit allen Infos zurück.
Gäste: „Ach, können wir das nochmal besprechen?“
Ich innerlich: FFS Nr. 1.
Äusserlich: „Klar, ich komme am Mittag zurück.“
12:00
Ich: „Habt ihr euch entschieden?“
Gäste: „Oh, haben wir ganz vergessen.“
FFS Nr. 2 – diesmal mit Puls 120.
12:30
Gäste:
„Was sieht man eigentlich so auf der Bootstour?“
Ich:
„Wunderschöne Flusslandschaft, einzigartige Gesteinsformationen, kitschiger Sonnenuntergang. Viele Vögel und – je nach Natur – auch diverse Tiere.“
Gäste:
„Können zwei fix gehen und die anderen spontan entscheiden?“
FFS Nr. 3, aber ich bleibe professionell.
(Und unterdrücke meinen inneren Vulkan, der kurz vor Eruption steht.)
13:00
Mit all diesen Infos schreibe ich unseren Nachbarn.
Zurück kommen diverse FFS … und Geschichten über ihre eigenen Gäste. Humor Pur!
15:00
Dann kommt der Regen. Natürlich.
Ich muss die Tour absagen – Safety first.
Gäste:
„Oh nein, soooo mühsam! Der Regen macht alles kaputt. Wir haben uns alle schon so sehr gefreut!“
Und das ist dann FFS Nr. 4, das sogar meine Zehennägel nach oben biegt.
Item.
Und so dreht sich der Busch-Kreislauf immer weiter:
Wir erklären, sie nicken.
Wir warnen, sie ignorieren.
Wir retten, sie staunen.
Wir sagen «kein Trinkwasser», sie trinken.
Wir sagen «nicht rennen», sie sprinten.
Wir sagen «Black Cotton Soil», sie spielen Rallye.
Und wir?
Wir lachen, fluchen, retten, kochen Ravioli… und schreiben Blogs darüber.
Weil irgendwer muss ja zuhören – wenn schon nicht unsere Gäste, dann wenigstens ihr.
DANKE.
Hat’s dich unterhalten? Freiwillige Kaffeespenden retten meine Nerven – danke, du Legende.

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