Kopf im Busch

Buschgeflüster, Beinahe-Katastrophen & unnützes Wissen

Ich, mein Gehirn & der 5–9 Job

Jeder möchte heute sein Pensum reduzieren, mehr Quality Time haben und weniger Stunden arbeiten.

Ich ja eigentlich auch!
Habe ich natürlich wieder alles gut hingekriegt hier.

Wir kennen ja alle diesen Filmbegriff „9 to 5“ – der klassische Bürojob.

In der Schweiz arbeiten wir eher so „8 to 5“. Oder, um es genauer zu sagen, typisch schweizerisch „7:20 bis 16:25“, weil pünktlich war gestern und präzise ist heute.

Aber darum geht’s gar nicht.

Ich erzähle euch heute vom Gegenteil.

Denn ich habe meinen Job von 9–5 auf 5–9 getauscht.

Ich habe keine klassische Arbeitswoche mehr, sondern sieben Tage Arbeit, gefolgt von… na ja… sieben Tagen Arbeit.

Eigentlich spielt es keine Rolle, welcher Tag ist. Montag, Freitag, Sonntag – alles verschwimmt. Wichtig ist nur, welche Gäste heute abreisen und welche ankommen.

Sogar meine geliebten, halb verkaterten Sonntage sind Geschichte.

Und ganz ehrlich?
Sonntag macht jetzt am wenigsten Spass.

Montag ist mein neuer Sonntag.

Ich war auch so ein Montagshasser. Heute nicht mehr. Wir Menschen sind schon komisch: Wir haben uns kollektiv einen Wochentag versaut – freiwillig.

Ich werde oft gefragt, was ich hier eigentlich jeden Tag so mache.

Gute Frage.

Kann ich so auch nicht wirklich beantworten.

Nicht, weil ich nichts mache – im Gegenteil! Ich mache sogar sehr viel…

…auch viel kaputt.

…und falsch.

Auch ein Grund, warum ich keine Gläser mehr abwaschen darf.

Oder nennen wir’s: ein genialer Schachzug meinerseits?!

Denn unsere Spüle ist so tief, dass ich jedes Mal denke, ich tauche in ein unterirdisches Höhlensystem ab. Und Seife ist rutschig, Gläser sind fragile kleine Biester – da flutscht halt mal was. Zack, runter in den arschloch-tiefen Spültrog.

Ich mache also nicht nichts – ich mache es oft einfach komplizierter.
Nicht mit Absicht – das passiert einfach, wenn mein Gehirn gleichzeitig auf drei Baustellen funkt und mein Gehirn eben mein Gehirn ist.

Ich habe den hohen Anspruch an mich, alles wissen und können zu müssen. Gleichzeitig herrscht zwischen Hals und Haaransatz oft ein Parallelprogramm, das klingt wie eine Messerschublade voller Gabeln. Dieses Chaos, kombiniert mit meiner Energie für Fünf, ergibt eben diesen ganz besonderen Kerry-Charme. Voilà.

Ich lasse Dinge fallen, die eigentlich fest in meiner Hand sind, verbrenne mir die Augenbrauen beim Feuermachen, breche mir den Arschloch-Zeh (ihr wisst schon – der mittlere Zeh am Fuss) und hinterlasse täglich eine leicht chaotische, aber lebendige Spur im Camp.
Wisst ihr eigentlich, wie anstrengend es ist, mich zu sein?

Kurz gesagt: Ich bin also ganz klar ein Gewinn.

Meine Chefs würden jetzt wahrscheinlich kollektiv mit den Augen rollen – aber hey, ich bin ja noch da. So schlimm kann’s also nicht sein.

Diese endlosen, hoffnungsvollen Kopfschüttler von ihnen müssten eigentlich längst ein Schleudertrauma verursacht haben.

Item – kommen wir zurück zum Thema.

Ich bin jetzt seit Juli hier, und bald ist die Saison vorbei.
Das Heulen kommt später, versprochen.

Aber ich glaube, ich habe genug Feldstudien betrieben, um mein Arbeitsleben offiziell als „nicht-alltäglich“ zu deklarieren.

Denn mein neuer 5–9-Job ist weit, weit weg von Routine.

Der Tag startet meistens um fünf.
Manchmal auch früher – dank Safari-Gästen mit Abenteuerlust und Wecker um 4:30.

Ich bin dann oft die, die das Funkradio bewacht.

Aber was mache ich dann so früh in diesem kleinen Raum, den wir grosszügig „Büro“ nennen?
Ganz ehrlich: Neben diesem Raum sieht Harry Potters Besenkammer aus wie eine verdammte Luxus-Suite.

Ich schreibe Arbeitsanleitungen, kontrolliere das Bedboard oder tippe an diesen Blogbeiträgen herum.

Ausser es ist Sonntag.

Sonntag ist nämlich kein gemütliches, leicht verkatertes Zuckerschlecken mehr. Sonntag ist Bestelltag. Und ich sag’s ehrlich: Ich mag es und ich mag es gleichzeitig auch nicht. Eine klassische Hassliebe.

Jeden Sonntag stelle ich mir dieselbe Frage:

Was brauchen wir im Camp?

Und zwar nicht für morgen oder übermorgen – nein, für die Gäste, die erst in zehn Tagen ankommen.
Denn wenn die Bestellung am Sonntag rausgeht, dauert’s zehn Tage, bis sie hier ankommt.

Auf der Liste steht so ziemlich alles: Lebensmittel, Toilettenpapier, Beton und natürlich der 100. Besen, der „ganz plötzlich“ kaputt aufgefunden wurde.

Etwas vergessen?
Ziemlich scheisse.

Vor allem beim Toilettenpapier.

Shoutout an unsere Nachbarn – danke für die Milch per Boot!
Das ist klare Nachbarsliebe in ihrer schönsten Form.
Q trinkt nämlich mehr Milch, als eine durchschnittliche Kuh produzieren kann.

Und jetzt im November steht die letzte Bestellung bis Ende Januar an. Ab dann ist es für den Lastwagen unmöglich, überhaupt noch bis in den Park zu kommen – Regenzeit, Schlamm, Weltuntergangsstimmung. Also absolut kein Druck für mich, genügend Essensvorräte zu bestellen… überhaupt kein Druck!

Dann geht’s weiter: Buchungen prüfen, Gäste ein- und auschecken, Aktivitäten planen, Räume kontrollieren, die To-Do-Tafel vollklatschen.

Und wenn mir mal langweilig wird (was nie vorkommt), sorgen Termiten oder meine eigene Tollpatschigkeit für Unterhaltung und Reparaturaufträge.

Ich meine: Wenn die Termiten den Holzunterstand nicht schon vorher angefressen hätten, wäre er wahrscheinlich nicht so spektakulär zusammengekracht, als ich schneckentempo „leicht“ dagegengefahren bin.

Aber gut. Andere Geschichte, anderes Jahr.

Um 07:00 ist Staff-Briefing-Time.

Dann geht’s los mit Kontrolle und Überblick wahren: Frühstück pünktlich, Essen warm, Qualität top, Lodge sauber, Aktivitäten koordinieren, Gäste glücklich. Also ein permanentes Auf-und-abbrennen.

Danach: Check-ins, Check-outs, Wäsche waschen, Elefantenschäden checken, Buchungen sortieren und natürlich Gäste betreuen.

Ich bin auch ab und zu die, die beim Essen Gesellschaft leistet, wenn jemand alleine reist.

Und ja – wahrscheinlich bin ich, die am wenigsten geeignete Person dafür. Ich sitze nie normal, kleckere schon nur beim Angucken von Essen und würde am liebsten den Teller ablecken, weil’s so gut ist.

Aber hey – gehört zum Job. Und ich wachse daran.

Kurz gesagt bin ich dafür verantwortlich, dass alles rund läuft, Details stimmen, wir für Gäste einzigartige Erlebnisse kreieren und unvergessliche Momente bieten. Dass Arbeitssicherheit gewährleistet ist, dem Personal gut geht, alles effizient bleibt und Schäden schnell behoben werden.

Schon speziell, wenn ich das so hinschreibe.
Ich – die ihr eigenes Leben kaum im Griff hat und nicht mal auf sich selbst aufpassen kann.

Multitasking-Level: Chaos, aber charmant.

Abends kommt die Cash-Abrechnung, danach sitze ich mit Gästen am Feuer, quatsche oder lasse sie ihre Zweisamkeit geniessen, während ich den finalen Küchen-Check mache.

Montag ist Management-Meeting.

Mittwoch ist Liefertag.

Freitag: Gäste- und Parkgebühren ins Excel übertragen.

Samstag: Stocktake – wir zählen alles an Verbrauchsmaterial. Ja, wirklich alles.

Sonntag? Eben. Sunday no Funday.

Und immer mal wieder gehe ich mit auf den Drive als Spotter und Host und komme in den Genuss zu sehen, wie Gäste Safaris erleben, wofür sie sich begeistern und welche Gespräche beim Sundowner entstehen.
Ich könnte eine Liste führen mit Boss Qs schlechten Dad-Jokes – und wie oft Gäste wirklich lachen oder nur gequält grinsen. Er behauptet, die lachen immer!

Also ja – mein Alltag ist ein bisschen anders.

Und das Beste: Immer mal wieder wird er tierisch unterbrochen!

Ich arbeite jeden Tag. Stehe früh auf, gehe spät ins Bett. Ich versuche zu planen – und doch kommt es immer anders.

Feierabend ist, wenn ich im Bett liege.

Me-Time ist, wenn ich dusche.
Und meine Duschzeit ist heilig.
Da bin ich für ein paar Minuten offline – kein Funk, keine Gäste, keine Aufgaben. Nur Wasser und Ruhe.

Und so endet mein Tag: irgendwann müde, ein bisschen schmutzig, voll mit Geschichten und noch mehr Chaos.

Das bedeutet Zufriedenheit für mich.

Ich, mein Gehirn und mein Job – wir sind ein Trio aus Energie, Chaos und ganz viel Herz.
Und irgendwie funktioniert es.

Meistens.


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