Okay.
True Adventure Time
20 Kinder, vier Lehrer – und ich mittendrin.
Für drei volle Tage gehört nicht mehr uns das Camp sondern ihnen.
Mission: unterhalten, durchschütteln und ein bisschen fürs wilde Leben begeistern. Morgens geht’s für die drei Gruppen abwechselnd auf Bootsfahrt, Game Drive oder Walking Safari, nachmittags wird rotiert – am nächsten Morgen nochmal. Jeder kommt mal in den Genuss von allem. Soweit der Plan.
In meinen Augen ein Riesenglück, dass diese Kids überhaupt nach Sambia reisen durften – und das für sie völlig kostenlos! Alle vier Jahre wird eine Schulklasse aus der UK für ein Abenteuer ausgewählt. Die Kids meldeten sich freiwillig. Zumindest theoretisch.
Mein Eindruck war dann…
…ein anderer.
Der Bus kommt, die Tür öffnet sich – und heraus steigen 20 blasse Gestalten in Pyjamahosen. Und ich meine nicht chillige Trainerhosen – ich meine wirklich Pyjamahosen. Rot, kariert, Sternenmuster. Eingeknickte Schultern, leere Gesichter. 40 Augen starren unser Team an wie in Schockstarre. Und ich so:
Oh No. Teenager.
Mich schaudert’s.
Q, mein Boss, macht das Sicherheitsbriefing, stellt das Team vor, erzählt was zur Campordnung. Ich bin gedanklich noch bei meinen wilden Assoziationen zwischen Pyjama und Busch, als plötzlich mein Name fällt. Ich horche auf – gerade noch rechtzeitig, um zu hören, wie Q den Kids mitteilt, dass ich am Nachmittag mit ihnen Wanderstöcke schnitzen werde.
Ich?! Mit den Pyjama-Tarzans (ja so nenne ich die Wesen nun jetzt)?! Allein?!
Mich schaudert’s erneut.
Aber hey, denke ich mir – easy! Haben wir doch alle gemacht als Kind. Stöcke geschnitzt fürs Cervelatbräteln oder zum Wandern. Wird schon.
Pah! Falsch gedacht.
Keiner dieser Pyjama-Tarzans aus der Nähe von London hat je ein Sackmesser in der Hand gehabt. Und geschnitzt haben sie höchstens mal an ihren Fingernägeln.
Also: Back to Basics. Ich teile meine heissgeliebten Messer mit ihnen, organisiere drei weitere und versammle die Truppe.
Ich erkläre:
– Immer vom Körper weg schnitzen.
– Niemand wird erstochen.
– Das Messer wird nicht geworfen.
– Der Stock darf ruhig leicht ins Feuer gehalten werden, dann lässt er sich besser bearbeiten.
– Und ja: Mit Fantasie geht alles.
Reaktion? Keine.
Die Pyjama-Tarzans wirken wie Impalas kurz nach Sonnenuntergang – hellwach, aber starr vor innerer Panik. Ich sehe sie an: Kein Lachen, kein Schwatzen, keine Fragen. Nur stilles Schnitzen. Einige geben nach zwei Minuten auf, andere kommen tatsächlich in Fahrt. Hoffnung keimt auf.
Und dann – endlich Bewegung.
Ich sehe etwas im Wasser.
Zeige mit dem Finger. Könnte ein Krokodil sein. Geil! Die ganze Truppe steht auf, starrt gebannt. Ich schnappe mein Fernglas. Nope. Zu schlank, zu schnell. Eine Schlange! Grosser Kopf – verdammt, eine Adder.
Ich stelle mich innerlich auf kollektive Panik ein – aber sie bleibt aus. Die einzige, die in Schnappatmung verfällt, bin ich. – Ich mag wirklich keine Schlangen.
Die Pyjama-Tarzans? Neugierig. Sie wollen mehr sehen. Wir gehen ein paar Schritte näher (natürlich auf sichere Distanz), ich beantworte Fragen – während ich versuche, meine eigene Schlangenpanik zu veratmen. Ganz souverän, versteht sich. Schwitzen, atmen, reden – multitasking at its finest.
Und siehe da: Die Kids zeigen zum ersten Mal echtes Interesse.
Einer fragt mich sogar nach dem komischen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln, der auf einem Stein sitzt.
Ein African Darter!
Ich erkläre – nicht zu nerdy, nicht zu euphorisch (hab mir selbst verboten, gleich zu viel zu geben):
Item, der African Darter, auch Schlangenvogel genannt, schwimmt oft mit nur dem Kopf über Wasser – sieht aus wie eine gleitende Schlange. Jetzt trocknet er seine Flügel, damit er bald wieder fliegen kann.
Der Junge murmelt: Cool
Ich grinse innerlich und geb’ mir ein imaginäres Self-High Five.
Abends blieb die Gruppe auf ihrem Zeltplatz – direkt neben meinem.
Ich denke noch: Wird schon nicht so schlimm.
Falsch gedacht.
Frühmorgens. Hektik.
Sir A, der Tour-Organisator und oberster Pyjama-Tarzan-Bändiger, weckt nicht nur seine Truppe, sondern auch mich.
Danke dafür. Wirklich. Ich hätte gemäss meinem Wecker noch 5 Minuten Schlafsackwärme gehabt.
Programmpunkt:
Walking mit Pyjama-Tarzans – und viel, viel Shit.
Also gut, Tag 1. Ich bereite mich auf meine Aktivität mit Gruppe 1 vor. Während die anderen sich für den Game Drive warm einpacken oder aufs Boot hüpfen, bin ich mit meinen Pyjama-Tarzans zu Fuss unterwegs. Walking Safari-Time. Und ich bin nicht allein – Ranger C ist dabei.
C ist im Kafue Nationalpark aufgewachsen, genau wie sein Vater. Er arbeitet seit Ewigkeiten als Park Ranger und kennt den Busch besser als ich meine rechte Hosentasche. Schon am Vortag sind wir zusammen die Route abgelaufen, haben Handzeichen, Notfallpläne und das klassische „Wer-macht-was“ besprochen.
Von Anfang an war klar: Wir sind ein Dream Team.
Seine Aufgabe? Sicherheit. Er läuft mit Gewehr voraus.
Meine Aufgabe? Die Pyjama-Tarzans führen, unterrichten, und – idealerweise – faszinieren. C ergänzt mit seinem Wissen über traditionelle und kulturelle Aspekte. Ich liebe das.
Kurzer Exkurs – warum macht man überhaupt eine Walking Safari?
Nicht etwa, um Löwen, Elefanten oder Büffel hautnah zu erleben. Nope, viel zu gefährlich. Auch wenn Gäste oft genau das erwarten: Irgendwie super dumm, weil super gefährlich.
Walking Safari ist leise. Kein Motor, kein Gebrumme. Nur Schritte.
Man fokussiert sich auf die kleinen Dinge: Käfer, Termiten, Spuren, Bissstellen an Ästen & Kot. (Wart’s ab.)
Zum Beispiel: Man misst einen Elefanten-Fusstritt mit einer Schnur aus, verdoppelt den Umfang – und zack, hat man die ungefähre Schulterhöhe des Tieres.
Und wie erkennt man, ob’s der Vorder- oder Hinterfuss ist?
Der Vorderfuss ist runder und grösser – logisch, er trägt den schweren Kopf. Elefanten laufen übrigens auf den Zehenspitzen. Wie Ballerinas. Auf Knorpelkissen. Deshalb können sie auch nicht springen. Müssen sie aber auch nicht. Sie sind ja gross genug.
Man entdeckt Spuren im Sand, liest Gangarten raus, erkennt, ob’s ein Löwe war oder eine Hyäne ist, wie viele unterwegs waren, woher sie kamen – und wohin sie vermutlich wollten.
Und dann – mein Lieblingsthema:
Let’s talk about Shit, Baby!
Ich liebe es. Ehrlich.
Der Busch ist voll davon – und er erzählt so viele Geschichten.
Natürlich greift man nur zu, wenn’s Herbivore-Kacke ist – also von Pflanzenfressern. Keine Carnivore-Würste anfassen – und auch nichts von Allesfressern wie Baboons oder Civets. Dafür gibt’s schliesslich unsere geschnitzen Stöcke. Voilà.
Ein paar Highlights?
– Elefantenscheisse.
Riesige Haufen. Kein Wunder – sie verdauen nur rund 40 % von dem, was sie fressen. Und sie fressen viel. Den ganzen Tag. Und die ganze Nacht. Macht etwa 100 kg Output pro Tag.
Und es ist nicht einfach nur Scheisse – es ist das Zentrum eines eigenen kleinen Ökosystems:
Mistkäfer feiern Party.
Eichhörnchen knacken die Marulanüsse, die durch den Verdauungsprozess aufweichen.
Termiten schleppen die trockenen Reste in ihren Bau, lassen Pilze alles zersetzen und machen sich’s kulinarisch gemütlich.
Elefanten erledigen ihr Geschäft oft im Doppelpack: Pinkeln und Kacken gleichzeitig.
Dabei lässt sich im Nachhinein sogar das Geschlecht bestimmen: Liegt die Urinpfütze auf oder über dem Kothaufen – handelt es sich um ein Weibchen.
Liegt die Pfütze vor dem Kothaufen – ist’s ein Männchen. Warum? Ganz einfach: Der Penis sitzt weiter vorne. Und länger ist er auch. Hehe

– Impala-Middens.
Impala scheissen gemeinsam an denselben Ort – aus Gründen. Sozial, olfaktorisch, informativ.
– Wasserbock-Kacke.
Klebt zusammen – wegen des saftigen Grases, das sie essen und dem vielen Wasser, dass sie trinken. Heissen ja auch WASSERböcke. Easy zu erkennen.
– Civetry.
Civets – nachtaktive Allesfresser – scheissen konsequent am gleichen Ort. Und ihre „Würste“? Voller Samen, Fellreste, Insekten. Jeden Tag liegt eine frische da. Grossartig, oder?

– Leopard vs. Löwe.
Beide kacken… üppig. Aber: Leoparden sind heikel. Sie mögen kein Fell, lassen sich Zeit, essen oft in Bäumen.
Löwen dagegen stopfen alles rein – inklusive Pelz. Kein Wunder, dass ihr Kot aussieht wie aus der Woll-Abteilung.
Und mal ehrlich – Wie reagieren wir Menschen wenn wir ein Haar im Mund haben? Herzstillstand? Unsere Reaktion ist ein wenig übertrieben, oder?
– Hippos.
Vor allem die Männchen scheissen mit wedelndem Schwanz, damit alles schön verteilt wird. Territorial-Markierung mal anders – aber auch hilfreich, damit sie in der Nacht, wenn sie bis zu 10 km wandern, zurück zum richtigen Flusslauf finden. Ihre Haut ist sonnenempfindlich – sie verweilen tagsüber im Wasser. Die Natur hat echt an alles gedacht.
Sorry. Eigentlich wollte ich über die Schulkids sprechen. Bin ein bisschen eskaliert. ‚Tschuldigung
Aber hey – ich liebe diesen Shit einfach.
(Haha-Wortwitz)
Walking Safaris sind für mich die ehrlichste Art, den Busch zu erleben.
Zu verstehen, wie alles miteinander zusammenhängt.
Zu fühlen, zu schnuppern, zu staunen.
Und vielleicht, ganz vielleicht, auch ein paar Pyjama-Tarzans damit anzustecken.
Walking Safaris zeigen vor allem eines: Was hier ist. Oder war.
Man kommt nah ran. Man kann fühlen, lauschen, riechen (manchmal leider auch zu viel) und einfach nur sein. Plötzlich wird’s ganz still – und wow, da ist sie: diese wilde Magie vom Busch.
Okay nun kommen wir zurück zu den Pyjama-Tarzans, Elefantenscheisse und Sternschnuppen-Gänsehaut
Gruppe 1: Die Jungs
Zu meiner Überraschung hatten sie die Pyjamahosen gegen… nennen wir’s mal Outdoor-Look getauscht. Zwar nicht in Tarnfarben, aber immerhin kein kariertes Baumwolldesaster mehr. Um 7 Uhr morgens stehen sie etwas blass und wortkarg da, aber hey – Teenager halt.
Ich stelle mich vor, erzähle von meiner Ausbildung und gebe gleich zu, dass mein Englisch manchmal klemmt. Wenn mir ein Wort fehlt, helft mir einfach oder fragt nach.
Ich bin nervös – seit Ewigkeiten meine erste Walking Safari. Aber ich hab geübt, kenne jedes Handzeichen, jede Sicherheitsregel auswendig. Ranger C läuft wie immer voraus – ich guide. Und wir starten.
Auf dem zweistündigen Walk sprechen wir über Bäume, Vögel, Spuren, Geräusche. Wir stoppen oft, fassen Scheisse an und entdecken viel. Und am Ende landen wir in der Lodge – vor einem grossen Tisch voller Schätze: Federn, Schädel, Nüsse, Knochen, Früchte, Zähne und natürlich: Poop.
Ich lege Bilder dazu und stelle die Aufgabe: Ordnet alles dem richtigen Tier zu!
Und ich bin baff: Die Jungs erinnern sich. Sie paraphrasieren meine Erklärungen, lachen, diskutieren, fassen sogar Kacke an (ausser die im Glas (Carnivore), fair enough). Mein Herz macht Luftsprünge.



Dann kommt mein persönlicher Höhepunkt:
Der Impala-Poop-Weitspuck-Wettkampf.
Ich zeichne eine Linie. Vier Meter weiter einen Zielkreis. Dann erkläre ich: Man spuckt – mit dem Mund – Impalakacke in Richtung Zielkreis.
Ich demonstriere. Knapp vorbei. Dann: Next!
Und YES! Sie spucken alle!
Diese Jungs – vor zwei Stunden noch angewidert beim Elefantenkot – spucken jetzt mit Begeisterung Antilopenkacke durch die Luft. Mein Herz? VOLLTREFFER. (Okay, vielleicht etwas schräg, wie sehr mich das freut – aber hey, #Buschliebe.)
Dieser erste Walk boostet mein Selbstvertrauen. Ich bin bereit für Gruppe 2.
Gruppe 2: Überraschung im Dickicht
Nachmittags geht’s weiter. Noch vor dem Start werde ich gebeten, meine Sackmesser auszuleihen – mehr Kids wollen schnitzen. (Whoop Whoop – Ich wusste es!)
Wir starten gemeinsam, entdecken Anzeichen von Tieraktivitäten, sprechen über Verhaltensweisen und Fassen an, was wir anfassen dürfen! Also genau so wie am Morgen. Mitten im Walk dann: knackende Äste, Elefantengegrummel.
Wir hören genau hin – und entscheiden uns für einen sicheren Umweg. Safety first. In der Lodge dann wieder: Quiz, Spucken, Staunen. Auch hier – echtes Interesse, leuchtende Augen, neugierige Fragen.
Weil wir einen grossen Bogen schlagen mussten, wird’s langsam dunkel, also geht’s im Game-Drive-Auto zurück ins Camp. Und dort erwartet uns ein echter Magic Moment: Zwei Elefantenbullen laufen gemächlich an den kleinen Zelten vorbei, rupfen Äste, ziehen Richtung Fluss. Einfach herrlich.
Gruppe 3: Drama vor dem Frühstück
Der nächste Morgen startet unsanft:
Sir A, der Organisator, weckt mich, erneut bin ich im Schlafsack. Ich murmele ein genervtes „yes“ – offenbar braucht ein Kind ein Privat-Klo. Sie kann nicht „müssen“, wenn andere in der Nähe sind. Ob ich sie bitte zur Lodge fahren könne…?
Klar, private Poop-Safari der etwas anderen Art. Was man ja nicht alles für die Gäste macht. Ich wuchte mich aus dem Schlafsack, zieh mich an – und warte:
und warte.
und warte!
Sie kommt nicht aus dem Zelt.
Nach einigem Hin und Her stellt sich heraus: Es ist ein Mädchen aus meiner bevorstehenden Gruppe… die Mädchengruppe.
Ob ich die wohl auch zum Spucken kriege?
Am Ende – kein Klogang. Sie musste doch nicht. Danke für nichts, Ma Donna.
Gruppe 3: Die Mädels
Sie schauen mich verschlafen an. Einige tatsächlich wieder in Pyjamahosen. Kein Interesse, keine Fragen, keine Elefantenkacke-Anfasserei.
Ich rede, sie schweigen. Ich frage, sie blinzeln.
Aber dann, in der Lodge beim Quiz: Plot Twist!
Sie lösen klug, überlegen logisch, treffen richtige Zuordnungen. Sie haben zugehört und fassen sogar die Gegenstände an!
Und beim Spucken? Die Hälfte macht mit.
Und das reicht. Weil die, die spuckten, Spass hatten. Und die anderen beim Zuschauen auch irgendwie.
So meine Walking-Safaris sind vorbei. Ich bin erleichtert. Aber auch traurig. Ich habe das Feuer wieder so richtig gespürt.
Der letzte Abend: Lagerfeuer-Magie
Am Abend teilen sich die Gruppen auf:
Eine Gruppe lernt Sternenkonstellationen, eine studiert Tänze und Gesänge ein, die dritte kocht.
Wir machen Schlangenbrot, kochen Nshima (lokales Maismehl-Gericht) mit Kohl.

Und dann:
Lagerfeuer.
Gesang.
Trommeln. Pyjama Tarzans singen Solos.
Gänsehaut.
Die Sternengruppe führt ein Theaterstück über Orion und Skorpio auf – danach schauen alle in den afrikanischen Nachthimmel.
Ich frage leise: „Freut ihr euch auf zu Hause?“
Antwort: „Ja, schon… aber es wäre auch schön, noch länger zu bleiben.“
Und da ist sie. Diese Veränderung.
Weniger Pyjama, mehr Tarzan.
Mehr echtes Erleben.
Mehr Busch im Herzen.
Fazit?
Auch wenn wir aus der Grossstadt kommen – das Abenteuer steckt in uns allen.
Man muss nur raus aus der Komfortzone. Und rein ins richtige Leben.
Und Du? Wann hast du dich das letzte Mal mit voller Wucht ins Unbequeme geworfen – und gemerkt, dass genau dort das Gold liegt?


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